Demonstration:"An uns kommen sie nicht vorbei"

Demonstration: Zwischen 3500 und 4000 Menschen haben am Sonntag in Dachau für Demokratie und gegen Rechtsextremismus demonstriert.

Zwischen 3500 und 4000 Menschen haben am Sonntag in Dachau für Demokratie und gegen Rechtsextremismus demonstriert.

(Foto: Toni Heigl)

Zwischen 3500 und 4000 Menschen demonstrieren am Sonntag in Dachau für Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Aufgerufen hat ein Bündnis aus über 50 Gruppen, Parteien und Vereinen.

Von Alexandra Vettori, Dachau

Tausende haben am Sonntag für Demokratie und gegen Rechtsextremismus demonstriert. Die Veranstalter sprachen von 4000 Teilnehmenden, die Dachauer Polizei zählte 3500. Aufgerufen hatte ein Bündnis von mehr als 50 Gruppen, darunter fast alle Parteien, Sportvereine, Volkshochschule oder die Schülermitverwaltungen der Dachauer Gymnasien. Nach der Kundgebung am Ernst-Reuter-Platz bewegte sich der Zug durch Dachau Ost, vorbei an vielen Menschen, die nach oben gereckte Daumen zeigten und winkten.

Die Idee, in Dachau eine Demo zu veranstalten, erzählte Fabian Handfest vom Runden Tisch gegen Rassismus, sei auf der Heimfahrt von der Münchner Demonstration entstanden. Binnen weniger Tage kam das Unterstützer-Bündnis zusammen, so Handfest. Alles in einer Woche zu organisieren, "war bisschen stressig und hektisch, aber ich glaube, es wird gut".

Um 14 Uhr ist der Ernst-Reuter-Platz brechend voll

Und es wurde gut: Kurz vor 14 Uhr drängen sich die Menschen auf dem Ernst-Reuter-Platz, erste Schätzungen gehen von 2000 aus, angemeldet war die Kundgebung für 200. Alte, Junge, Omas gegen Rechts, Eltern mit Kinderwagen und Schülergruppen versammeln sich, dazwischen auch Landrat Stefan Löwl und Dachaus OB Florian Hartmann.

Für Gänsehautmomente sorgte gleich der erste Redner, Martin Modlinger, der als Vertreter der Seebrücke Dachau Geflüchtete unterstützt. Der Rechtsextremismus sei wieder da, ruft Modlinger in die Menge, er sei nie weg gewesen, doch "jetzt planen sie Massendeportationen von Menschen, die nicht in ihr engstirniges Weltbild passen. Hat das jemanden überrascht?" "Nein", schallte es aus vielen Kehlen über den Platz. "Aber an uns kommen sie nicht vorbei!", ruft er, und Applaus brandet auf.

Demonstration: "Dachau bleibt bunt", sagen die Demonstrierenden.

"Dachau bleibt bunt", sagen die Demonstrierenden.

(Foto: Toni Heigl)
Demonstration: Martin Modlinger sorgte in seiner Rede für Gänsehauptmomente.

Martin Modlinger sorgte in seiner Rede für Gänsehauptmomente.

(Foto: Toni Heigl)
Demonstration: Alle Altersgruppen waren vertreten.

Alle Altersgruppen waren vertreten.

(Foto: Toni Heigl)
Demonstration: Viele hatten sich mit ihren Schildern viel Mühe gegeben

Viele hatten sich mit ihren Schildern viel Mühe gegeben

(Foto: Toni Heigl)
Demonstration: Aus Markt Indersdorf kamen Omas gegen Rechts".

Aus Markt Indersdorf kamen Omas gegen Rechts".

(Foto: Toni Heigl)

Rechtsextremisten trieben Keile in die Gesellschaft, erzeugten Hass, "weil sie genau das brauchen. Inhalte und Lösungen haben sie ja nicht", so Modlinger. Doch das Gift lähme und schwäche die Gesellschaft. "Das lassen wir nicht zu, deshalb stehen wir hier zusammen, obwohl wir nicht in allem übereinstimmen." Das allein reiche aber nicht: "Wir müssen immer dafür einstehen, am Küchentisch, am Arbeitsplatz, in der Schule und sozialen Netzwerken."

Vor Beginn sitzen zwei ältere Damen in der Sonne auf einer Bank, eine hält eine kleine Deutschlandfahne in der Hand. Ja, Probleme gebe es genug, sie hätten zum Beispiel Angst, dass Pflege bald unbezahlbar wird, führt Rosemarie Steiner aus, doch das sei kein Grund, rechtsextrem zu werden. Sie ist mit ihrer Freundin aus Karlsfeld gekommen. 77 Jahre sei sie alt, erzählt sie, "ich mache das für meine Enkel, damit unser Land bleibt, wie es ist".

Zwei Drittel der AfD-Wähler leben auf dem Land

Auch Norbert Göttler, Publizist aus dem Landkreis und ehemaliger Bezirksheimatpfleger, spricht. "Keine Angst, nicht von Heimat" wolle er sprechen, beginnt er lächelnd, "oder nur so viel: Unsere Heimat ist zu wichtig, dass wir sie den Nazis überlassen." Er appelliert, es nicht bei Demos zu belassen. Denn zwei Drittel der AfD-Wähler leben auf dem Land, wo keine Demos stattfinden. Die "seltsame Nähe" zur AfD stamme oft aus den Anfängen, als die Partei gegen den Euro kämpfte, "doch die AfD von damals ist nicht mehr die AfD von heute".

Dass die Gefahr für Migranten schon real ist, macht Julia Neupert von der Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt deutlich. Über 200 Menschen habe man 2023 beraten. Osama Kezzo vom Integrationsbeirat zollt Dank dafür, dass er in Deutschland Sicherheit fand. "Es macht mich glücklich, euch hier auf der Straße zu sehen", rief er.

Unter den Demonstranten ist auch eine Gruppe aus Ampermoching, eine von ihnen, Inge Lehner, ist Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft: "Ich bin da, weil ich diese Partei katastrophal finde. Es ist zu spät, wenn man jetzt nicht aktiv wird." Neben ihr steht Arzt Stephan Herif. Er meint: "Liebe Nazis, macht doch mal einen Gentest." Gleich daneben sind die "Omas gegen rechts" aus Markt Indersdorf. Susanne Rabel ist zwar die Mutter, antwortet aber für die Oma daneben, "bei uns ist die ganze Familie da, drei Generationen. Weil wir zeigen, dass wir das Volk sind. Es kann nicht sein, dass sich jetzt wieder solches Gedankengut verbreitet, nur weil die Rechtsextremisten am lautesten schreien".

Die AfD ist gegen Gaspreisbremse und höheren Mindestlohn

Simone Burger vom Gewerkschaftsbund betont, wie nötig es ist, Position zu beziehen: Umfragen sagen Rechtsradikalen bei kommenden Wahlen massive Stimmenzuwächse voraus. Sie schürten Angst, verbreiteten Missgunst und erzeugten in vielen Menschen das Gefühl, allem ausgeliefert zu sein. "Dabei bieten sie nur Scheinlösungen an." Die AfD habe gegen Corona-Hilfen gestimmt, gegen Gaspreisbremse und höheren Mindestlohn. Burger: "Und das will die Partei des kleinen Mannes sein?"

Für die Jugend sprechen Julia Neumann vom Kreisjugendring und Lukas Stolze vom Jugendrat. Neumann zitiert die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer: "So hat es damals auch angefangen." Es sei unsere Verantwortung, eine Wiederholung zu verhindern. Und auch Lukas Stolze mahnt: "Unsere Demokratie ist ein kostbares Gut, das wir mit aller Kraft verteidigen müssen."

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