SZ-Serie: Mit dem Bus in den Landkreis, Folge 4:Woife regelt das

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Bushaltestelle

"Wenn oana übergriffig wird, dann fliegt a raus", Wolfram Kuschke, kurz Woife, macht in seinem Bus klare Ansagen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Seit 23 Jahren ist Wolfram Kuschke Busfahrer im Dachauer Hinterland. Seine Fahrgäste kennt er fast alle mit Namen und er ist eigentlich für jeden Spaß zu haben. Aber wenn ihm einer blöd kommt, dann setzt er auch mal einen Mitfahrer vor die Tür.

Von Jacqueline Lang, Markt Indersdorf

Der Bus mit der Nummer 782 hält, der Fahrer steigt aus. Von der gegenüberliegenden Seite kommt eine ältere Dame herbeigeeilt und drückt ihm mit einem Lächeln eine Piccoloflasche in die Hand. Dann geht sie weiter, so als sei es das Normalste von der Welt. Der Busfahrer grinst: "So sind sie, meine Fahrgäste."

Was nach einem Werbespot des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) zum Anwerben neuer Busfahrer klingt, ist ein ganz normaler Tag in Wolfram Kuschkes Leben. Der 59-Jährige aus Pipinsried fährt seit nunmehr 23 Jahren für einen Subunternehmer des MVV durch das Dachauer Hinterland, "aufm Bock" wie er es nennt. Von vielen seiner größtenteils jungen Fahrgäste kennt er nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern. Die einen hat er in deren Kindheit schon in die Schule gefahren, mit den anderen selbst noch die Schulbank gedrückt. Kuschke, oder Woife, wie ihn eigentlich jeder nennt, kennt somit praktisch jeden, der irgendwo zwischen Markt Indersdorf und Randelsried wohnt und schon mal Bus gefahren ist. Und alle kennen ihn.

Eigentlich wollte er gar nicht Busfahrer werden

Dabei wollte Kuschke eigentlich gar nicht Busfahrer werden. Schon als Kind hat der Mann mit den ergrauten Haaren, die er vorne kurz, hinten lang trägt, davon geträumt, Fernfahrer zu werden. Zunächst habe er zwar eine Ausbildung zum Heizungsbauer gemacht und sei dann Hilfsarbeiter bei der Schloßberg Brauerei in Dachau, gewesen, sagt Kuschke. Als die aber von der Spaten-Brauerei übernommen worden sei, habe man ihm angeboten, einen Lkw-Führerschein zu machen. Kuschke sagte sofort Ja. Eine Zeit lang habe er dann Bier quer durch Deutschland, später dann Softdrinks quer durch die EU gefahren. Eine interessante Zeit sei das gewesen, sagt Kuschke.

Aber dann kam die große Liebe. Für sein "Schatzi" Petra hat er sich entschieden, sesshaft zu werden. Sie selbst hat einen mobilen Friseursalon betrieben. Einer ihrer Kunden hat ihm damals, als er erfahren hat, dass Kuschke Arbeit sucht, einen Job als Busfahrer angeboten. Vorstellen habe er sich das eigentlich nicht können, aber seiner Petra zu Liebe habe er sich das trotzdem mal anschauen wollen, sagt Kuschke. "Gehts da imma so zua?", sei seine Reaktion nach der ersten Probefahrt gewesen. Trotzdem hat er sich schließlich dafür entschieden, den Job zu machen. Einen schriftlichen Vertrag gibt es bis heute nicht, nur einen Handschlag und sein Wort. "Wenns guid, dann guids." So einfach sei das, sagt Kuschke. Mehr als zwei Jahrzehnte später, kann er sich sein Leben nicht mehr anders vorstellen. Obwohl eigentlich vorgeschrieben ist, dass Busfahrer des MVV als Uniform eine schwarze Hose, ein Hemd und eine Krawatte tragen müssen, trägt Kuschke ein schwarzes ACDC-Shirt und Jeans.

"Als Busfahrer hat man gestern einen Job"

Radio hören ist ebenfalls untersagt, weil es die Gäste stören könnte. Bei Wolfram Kuschke läuft es trotzdem - auch dann, wenn der Beamte von der Qualitätssicherung kommt. In Zeiten, wo gute Busfahrer Mangelware sind, braucht er nicht zu fürchten, dass ihm wegen solch läppischer Regelverstöße jemand blöd kommt. "Als Busfahrer hat man gestern an Job", sagt Wolfram Kuschke.

Bushaltestelle

Seine Route: Seit 23 Jahren fährt Woife mit dem Bus durch das Dachauer Hinterland.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dass er sich nicht an alle Regeln hält, heißt aber längst nicht, dass es in seinem Bus keine gibt - es sind nur eben seine eigenen: Nach jeder Fahrt macht er seinen Bus sauber und jedem Neuling bringt er erst einmal bei, dass man "Servus" und "Pfiat di" sagt. Ein "schoarfer Blick" in den Rückspiegel reicht, um seine Schützlinge zur Ordnung zu rufen. Er hat ein offenes Ohr für ihre Sorgen und für jeden Spaß zu haben ist er auch: Einmal, erzählt Kuschke, da sei einer seiner Gäste hungrig gewesen. Da habe er kurzerhand einen Zwischenstopp beim Metzger eingelegt und einmal durchgezählt. Am Ende habe er dem hungrigen Gast zwölf Leberkassemmeln angeschafft - für jeden Fahrgast und sich selbst eine. Auch sonst nimmt Kuschke es mit den Bushaltestellen nicht so genau: Aussteigen lässt er jeden, da wo er eben raus muss - und nicht nur da, wo ein Schild steht. Dass das versicherungstechnisch nicht ganz unproblematisch ist, weiß er. Es ist ihm egal. Nur wenn einer Ärger machen will, dann ist bei Kuschke Schluss mit lustig. "Wenn oana übergriffig wird, dann fliegt a raus", sagt er. Da könne es auch schon mal vorkommen, dass einer die eineinhalb Kilometer von Asbach nach Randelsried laufen müsse. Nachtragend sei er aber nicht. "Reiß die zam, dann derfst mitfahrn", lautet seine Devise.

Obwohl Busfahrer generell tagtäglich mit vielen Menschen zu tun haben; eine persönliche Bindung, wie Kuschke sie mit eigentlich all seinen Gästen hat, ist die Ausnahme. So etwas sei nur auf dem Land möglich, wo man eine feste Strecke habe. "Nicht mal in Dachau gibt's des", ist er überzeugt.

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Im Schnitt fährt Kuschke täglich 300 Kilometer. Eine "kilometerintensive Linie" nennt man das im Fachjargon. Für ihn aber ist das Busfahren nicht in erster Linie ein anstrengender Job, es ist Hobby, Leidenschaft. Jeden morgen kurz nach sechs Uhr fährt Kuschke seine erste Tour, und kurz vor 18 Uhr seine letzte. Natürlich, versichert Kuschke, fahre er aber nicht zwölf Stunden am Stück: Wenn die Kinder, die etwa 80 Prozent seiner Kundschaft ausmachen, in der Schule seien, habe auch er zwischendurch ein paar Stunden frei.

Bis 2014 sei er auch noch Reisebus gefahren, sagt Kuschke. Nie war er einfach nur der namenlose Busfahrer, sondern "ich war immer mittendrin". Fahrten ins Elsass, zum Skifahren, für ihn sei das wie Urlaub gewesen. Auch heute fährt er noch gelegentlich für einen der Vereine in seiner Heimatgemeinde Altomünster, immer wieder würde ihn jemand bitten. "Des schlimmste is, es macht am Ende auch no Spaß", sagt Kuschke, der ein bekennender 60er Fan ist, wie die Wimpel und Schals über seiner Busfahrerkabine unschwer erkennen lassen.

Lustiger sei da schon das eine Mal gewesen, als zwei Gäste bei ihm im Bus auf der Rückbank "geschnackselt" hätten

Trotzdem tritt er mit knapp 60 Jahren ein bisschen kürzer, seit seine Frau an Krebs gestorben und er von 2015 bis 2016 15 Monate wegen Problemen mit dem Darm krankgeschrieben gewesen ist. Als er damals im Krankenhaus gewesen sei, hätten ihm seine Buskinder eine Karte geschickt, sagt Kuschke. Er, der ein bisschen aussieht wie ein rockiger Weihnachtsmann, habe damals geweint. "Da fallt einem nix mehr ein", sagt er. Nach all den Jahren ist er immer noch gerührt. Traurig wird Kuschke, wenn er daran denkt, wie einmal eine Seniorin bei ihm im Bus gestorben ist: Herzinfarkt. Obwohl er als Ehrenamtlicher beim Roten Kreuz eine Ausbildung zum Sanitäter gemacht habe, sei für die Frau jede Hilfe zu spät gekommen. Für ihn definitiv sein schlimmstes Erlebnis als Busfahrer.

Lustiger sei da schon das eine Mal gewesen, als zwei Gäste bei ihm im Bus auf der Rückbank "geschnackselt" hätten. Er habe sie einfach machen lassen, sagt Kuschke, "da ist ja nix dabei". Nur als weitere Gäste eingestiegen seien, habe er nach hinten gerufen: "Passts auf, da kimma Leid." Das benutze Kondom habe er dem Burschen dann drei Tag später in einer Plastiktüte vor allen seinen Freunden überreicht. Der habe das natürlich gar nicht lustig gefunden - aber das kommt eben davon, wenn einen der Busfahrer von klein auf und mit Namen kennt.

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