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Corona-Ausbruch:Gefährliches Schweigen

Dem Klinikum wird vorgeworfen, den Patienten den Corona-Ausbruch verschwiegen zu haben. Der Chefarzt widerspricht den Vorwürfen.

(Foto: Toni Heigl)

Auf Reha im Klinikum Indersdorf infiziert sich eine 87-Jährige mit Corona. Dass dort zum Zeitpunkt ihres Aufenthalts das Virus wütet, wissen Ärzte und Pfleger - die Patientin nicht. Sie wirft der Klinik vor, den Ausbruch verheimlicht zu haben. Der Chefarzt widerspricht

Von Benjamin Emonts, Markt Indersdorf

Elisabeth Wagner kam kurz vor Weihnachten ins Klinikum Markt Indersdorf, um sich von einer Hüftoperation zu kurieren - am Freitag sollte sie ursprünglich wieder zuhause sein. Doch für die 87-Jährige, die in Wahrheit anders heißt, kam alles anders. Auf der Reha-Station des Klinikums brach über Weihnachten das Coronavirus aus. Wagner wurde zwei Stockwerke tiefer verlegt und unter Quarantäne gestellt. Am 4. Januar wurde dann auch sie positiv getestet. Bis heute liegt die Rentnerin infiziert und mit leichter Temperatur auf einer Corona-Station eines nahegelegenen Krankenhauses. Von dort erhebt Wagner am Telefon nun Vorwürfe gegen das Helios Amper-Klinikum Markt Indersdorf. Dort habe sie sich nicht bloß infiziert, der Corona-Ausbruch in der Einrichtung sei ihr tagelang "verheimlicht" worden.

Die Situation am Indersdorfer Klinikum, das auf Altenmedizin spezialisiert ist, hat sich seit Bekanntwerden des Ausbruchs am 29. Dezember zugespitzt. Aus anfänglich neun infizierten Patienten und Mitarbeitern sind, Stand Freitag, 25 Personen geworden: elf Angestellte und 14 Patienten. Klinikchef Björn Johnson sagt dennoch, dass die Situation unter Kontrolle sei. In Anbetracht der Gesamtzahl von 150 Mitarbeitern und 90 Patienten liegt die Ansteckungsquote in dem Klinikum jedoch bei mehr als zehn Prozent. Wagners Enkelsohn hat sich bei der Zeitung gemeldet, weil er glaubt, die Situation werde von der Klinikleitung heruntergespielt.

Das positive Testergebnis traf die Großmutter und ihre Angehörigen schwer. Die 87-Jährige hatte seit ihrer Aufnahme in dem Krankenhaus nur zu Ärzten, Pflegepersonal und ihrer negativ getesteten Zimmerkollegin Kontakt gehabt. Sobald jemand ihr Zimmer betrat, habe sie eine Maske angezogen. Bis auf wenige Ausnahmen telefonierte sie lediglich mit ihren Angehörigen. An Weihnachten durfte sie sich über ein gekipptes Fenster kurz mit der Familie unterhalten. Wagner glaubt, dass sie sich beim Blutabnehmen oder Fiebermessen beim Personal angesteckt haben muss.

Sie war am 28. Dezember nach eigenen Angaben zunächst negativ getestet worden - ein zweiter, positiver Abstrich sei erst am 4. Januar erfolgt. Die Nachricht sei ein "harter Schlag" für sie gewesen, erzählt Wagner. "Es war fürchterlich. Ich war am Boden zerstört." Der Enkelsohn berichtet, dass sich die Familie bereits auf das Schlimmste eingestellt habe. "Man steht daneben und ist der Sache völlig hilflos gegenüber", sagt er. Dass es in dem Krankenhaus einen Corona-Ausbruch gab, habe die Familie wenige Tage vorher aus den Medien erfahren. Man sei fassungslos gewesen.

Wagner schildert, dass ihr von Weihnachten an plötzlich keine Reha-Übungen mehr angeboten worden seien, ohne einen Grund dafür zu erfahren. Am 28. Dezember sei sie dann abrupt vom Fahrrad geholt und von der Reha-Station auf eine Abteilung zwei Stockwerke tiefer verlegt worden. Über die prekäre Situation an dem Klinikum habe das Personal allenfalls Andeutungen gemacht. Ihre Verlegung sei damit begründet worden, dass eine Pflegekraft erkrankt sei. Später habe eine Mitarbeiterin noch gesagt, das alles viel schlimmer als gedacht sei. Das Wort "Corona-Ausbruch" aber sei nie gefallen. "Es wurde rumgedruckst", sagt Wagner.

Im Klinikum Markt Indersdorf stellt man die Situation anders dar, ohne aus Schweigepflicht auf den speziellen Fall einzugehen. "Die Patienten der betroffenen Stationen wurden nach dem Ausbruch individuell und persönlich vom diensthabenden Arzt informiert", sagt Chefarzt Björn Johnson. Bei einem Ausbruchsgeschehen testet die Klinik ihre Patienten nach eigener Auskunft alle fünf Tage mit einem PCR-Test, beim Auftreten von unklaren Symptomen würden die Patienten zudem umgehend durch einen PCR-Test und einen Antigen-Schnelltest untersucht. Der Ausbruch sei rasch erkannt und eingedämmt worden, sagt Chefarzt Johnson. Die infizierten Patienten seien in umliegende Krankenhäuser mit Corona-Stationen verlegt worden, der Großteil ins Klinikum Dachau.

Eingeschleppt hatte das Virus laut der Klinik vermutlich eine Pflegeperson auf der Station für geriatrische Rehabilitation. Nachdem der Ausbruch dort festgestellt worden war, hatte man die Station am 30. Dezember geschlossen. In anderen Abteilungen sei es nach bisherigen Erkenntnissen nicht zu Ansteckungen gekommen. Für die gesamte Klinik wurde ein zehntägiger Aufnahmestopp verhängt, der nun endet. Mit Beginn der Woche soll die betroffene Reha-Station wieder eröffnen.

Aus gesundheitlicher Sicht verläuft der Ausbruch in Indersdorf bisher relativ glimpflich. Keine der infizierten Personen muss auf einer Intensivstation behandelt werden, nur ein Mitarbeiter wurde zur Behandlung im Krankenhaus Dachau aufgenommen. Nicht weit entfernt sind lokale Ausbrüche dramatischer verlaufen. Im Krankenhaus Schongau hatten sich im November fünf Patienten mit dem Coronavirus infiziert und sind damit gestorben. In der Schindlbeck-Klinik in Herrsching starben zehn Patienten infolge eines Corona-Ausbruchs, etwa 50 Mitarbeiter wurden infiziert. Auch das Helios Amper-Klinikum in Dachau war im Frühjahr kurzzeitig geschlossen worden, weil ein Herzpatient das Virus eingeschleppt hatte. Der Mann starb. Hoffnung gegen lokale Ausbrüche in Kliniken macht indes die fortschreitende Immunisierung des Personals. An den Krankenhäusern in Dachau und Markt Indersdorf sind laut dem Leitenden Oberarzt und Pandemiebeauftragten, Alexander von Freyburg, bereits 350 Angestellte geimpft worden. "Die Impfbereitschaft unserer Belegschaft ist hoch", sagt er. Die Frage, ob es auch Impfverweigerer in den eigenen Reihen gebe, lässt der Arzt unbeantwortet.

Elisabeth Wagner zeigte tagelang keine Symptome, erst am Wochenende wurde eine leicht erhöhte Temperatur festgestellt. Ihre Angehörigen verfolgen die Entwicklung mit großer Sorge. Am Telefon macht Wagner am Freitag einen guten Eindruck, obwohl sie erneut positiv getestet wurde. Sie habe gute Sauerstoffwerte und könne alles schmecken, "Ich fühle mich gut", sagt die 87-Jährige. Wenn alles gut läuft, wird sie Mitte nächster Woche entlassen. Die Übungen zur Stabilisierung ihrer neuen Hüfte wird sie dann von zuhause aus erledigen. "Zur Reha muss ich nicht mehr." Sie klingt erleichtert.

© SZ vom 11.01.2021
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