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Berlin/Dachau:Verspätete Anerkennung

Sogenannte "asoziale" Häftlinge in den KZ als Opfergruppe eingestuft

Lange hat es gedauert, 75 Jahre, bis Deutschland auch die NS-Opfer anerkennt, die als "Asoziale" in die Konzentrationslager verschleppt worden sind. Zum Beispiel Herbert F.: Mit 23 Jahren wurde der arbeitslose Spinnereiarbeiter im Juli 1936 bei einer Verhaftungsaktion gegen Bettler aufgegriffen und in das KZ Dachau gebracht. Der Grund: Der junge Mann hatte seine Arbeit verloren, war ohne einen festen Wohnsitz und mehrfach wegen Bettelei und Landstreicherei verurteilt worden. Menschen wie er, die von den Nationalsozialisten als "Asoziale" und "Berufsverbrecher" verfolgt wurden, sollen als NS-Opfergruppe anerkannt und entschädigt werden. 75 Jahre nach Kriegsende beschloss der Bundestag am Donnerstagabend mit großer Mehrheit einen entsprechenden Antrag. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, beide Opfergruppen stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und ihnen einen angemessenen Platz im staatlichen Erinnern zu verschaffen. Auch soll es eine Wanderausstellung und weitere Forschung geben. Zudem sollen Betroffene finanzielle Leistungen bekommen können.

Als "asozial" galten den Nazis zum Beispiel Wohnungs- oder Arbeitslose. Sie mussten im Konzentrationslager einen schwarzen Winkel an der Häftlingskleidung tragen. Sogenannte Berufsverbrecher, die mitunter ihre Strafe bereits zuvor verbüßt hatten, trugen einen grünen Winkel. Für den Antrag von Union und SPD stimmten alle Fraktionen außer der AfD, die sich enthielt. Mehrfach wurde beklagt, dass die Anerkennung erst so spät komme. Vertreter von SPD, FDP, Linken und Grünen äußerten zudem Bedauern darüber, dass kein gemeinsamer fraktionsübergreifender Antrag zustande gekommen sei.

Vertreter der übrigen Fraktionen warfen der AfD unter anderem vor, KZ-Häftlinge in Opfer erster und zweiter Klasse unterteilen zu wollen. Der AfD-Abgeordnete Marc Jongen forderte eine Einzelfallprüfung und warf die Frage auf, ob sogenannte Funktionshäftlinge ("Kapos") anderen Häftlingen gleichzusetzen seien. Dem entgegneten Abgeordnete, niemand sei zu Recht in einem Konzentrationslager gewesen. Herbert F. hat von der späten Anerkennung nichts mehr.

© SZ vom 15.02.2020 / SZ
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