142 000 Fans:Ulknudel mit Sendungsbewusstsein

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Youtuberin Annika Gerhard veräppelt Unterhaltungsshows. Eine Kampagne gegen Homophobie hat die Dachauerin im Netz noch populärer gemacht.

Von Laura Winter, Dachau

Lässig sitzt Annika Gerhard im Schneidersitz auf ihrem Drehstuhl, grauer Pullover, Jeans, Wollsocken. Über dem Bett hängen zwei Ukulelen, daneben ein großes selbstgezeichnetes Porträt in Schwarz-Weiß. An der angrenzenden Wand hängt ein großer Bildschirm, der Schreibtisch ist voll mit Technik. Die große Studioleuchte in dem kleinen Zimmer fällt sofort ins Auge. Es ist nicht schwer, ihre zwei große Leidenschaften zu erraten: Kunst und selbst gedrehte Videos.

Unter dem Namen "Annikazion" betreibt die 20-Jährige aus Dachau einen Account auf der Unterhaltungsplattform YouTube. In ihren Beiträgen äußert sie ihre Meinung, lässt sich über verschiedene Unterhaltungsformate im Fernsehen aus, "Germany's next Topmodel" oder die "Mädchen-WG" und macht sich über sie lustig. Wenn die angehenden Models vor der Kamera herumhopsen und versuchen wie Hiphopper zu tanzen, fallen Kommentare wie "Das ist aber individuell, wow." Im nächsten Moment blendet sie ein selbst gedrehtes Video ein, in dem sie die Szene überzogen nachspielt. Sie tanz steif, zieht sich immer weiter aus; untermalt wird die Situation mit einer Musik, die mit dem Bild mal so gar nichts zu tun hat.

Knapp 142 000 Leute haben den Kanal abonniert, sehen sich regelmäßig ihre Videos an und kommentieren sie. Damit ist sie noch keiner der ganz großen Youtube-Stars, aber schon recht erfolgreich und verdient auch ganz gut an ihren Internet-Auftritten. Nach ihrem Abschluss an der Josef-Schwalber-Realschule in Dachau besuchte sie die Fachoberschule in Karlsfeld. Dort widmete sich Annika der Kunst und machte im Jahr 2016 ihr Abitur. Etwa in dieser Zeit begann sie, sich intensiv damit zu beschäftigen, sich auf YouTube zu präsentieren. Sich selbst beschreibt sie als "Klassenclown", immer schon habe sie Theater gespielt. "Mir gefällt es einfach, andere Leute zu unterhalten", sagt die Dachauerin. Sie erinnert sich, wie sie als kleines Mädchen nach der Schule vor dem Computer gesessen hat und sich Videos auf YouTube ansah, das gerade junge Leute oft viel interessanter finden als das klassische Fernsehprogramm. Irgendwann gab sie sich einen Ruck und probierte sich selbst im Filmen. "Das Schlimmste ist das erste Video", sagt sie und lacht. "Ich habe einfach ganz spontan geredet. Sonst fängt man ja nie an."

"Ich lebe meinen Traum"

Sie schaltet ihre Kamera ein und projiziert das Bild auf den Bildschirm neben sich. Sobald ihr Gesicht auf dem Monitor zu sehen ist scheint es, als habe man eine andere Person vor sich. Sie beginnt zu gestikulieren, zieht die Augenbrauen beim Sprechen nach oben, lacht in die Kamera. "Ich lebe meinen Traum", sagt sie. "Ich bin selbständig und flexibel, kann von dem leben, was mir Spaß macht."

In ihren Videos ist sie meist sarkastisch, tanzt, zieht Grimassen. Sitzt man ihr gegenüber erlebt man eine ruhige junge Frau, humorvoll, manchmal sarkastisch. Aber auch ein wenig zurückhaltend. Während sie erzählt, fährt sie immer wieder mit den Fingern durch die Haare, lockert sie, streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Redet sie über ihren Job als Youtuberin bewegt sie sich auf sicherem Ter- rain. Dann erzählt sie viel und gern. In ihren Beiträgen geht es aber nicht nur um alberne Fernsehformate. Im vergangenen Jahr hat Annika sich in einem ihrer Videos geoutet.Die Reaktionen in der Internet-Community waren durchweg positiv. Als ein Youtuber dann ein Video veröffentlichte, in dem er sich abfällig über Homosexuelle äußerte, ging Annika Gerhard noch einen Schritt weiter. Gemeinsam mit Freunden startete sie die Kampagne "Wir gegen Homophobie" und stellten ein Video online, in dem sie sich gegen Homophobie aussprachen. "Plötzlich wurde das ganz groß", erzählt sie. Viele andere Youtuber unterstützten die Kampagne. Sie breitete sich auch auf andere soziale Netzwerke wie Twitter und Instagram aus. "Es geht immer noch weiter", sagt die Dachauerin. "Damit hatte ich nicht gerechnet, ich bin total überwältigt."

Musikvideos als zweites Standbein

Die Eltern waren anfangs wenig begeistert von der Idee, dass sie nach dem Abitur weder eine Ausbildung noch ein Studium anstrebt, sondern im Internet mit Videos ihr Geld verdient. Annika setzte sich durch, und als die ersten Erfolge sichtbar wurden, verflog die anfängliche Skepsis. Nach einem Praktikum bekam Annika Gerhard das Angebot, eine Ausbildung zur Mediengestalterin in Bild und Ton zu machen. Allerdings wurde ihr schnell klar, dass das nichts für sie ist. "Sobald ich für eine Firma Videos produziere, nimmt mir das den Spaß." Für die Agentur, die ihr Management übernimmt, hat sie allerdings in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern Musikvideos produziert. So hat sie sich ein zweites Standbein aufgebaut, zur Sicherheit. Auch wenn mittlerweile die Zahl ihrer Abonnenten stetig wächst, gab es vor allem in der Anfangsphase Momente, in denen sie an ihrem Format zweifelte.

142 000 Fans: Kunst und Kamera: Annika Gerhard ist in ihrem kleinen Aufnahmestudio glücklich. Allerdings steckt in ihren lustigen Youtube-Clips nicht nur Spaß, sondern auch jede Menge Arbeit.

Kunst und Kamera: Annika Gerhard ist in ihrem kleinen Aufnahmestudio glücklich. Allerdings steckt in ihren lustigen Youtube-Clips nicht nur Spaß, sondern auch jede Menge Arbeit.

(Foto: Toni Heigl)

Nicht jeder teilt Annika Gerhards Humor, manche Zuschauer beleidigten sie. Davon ließ sie sich aber nicht unterkriegen. Heute ist der Anteil der negativen Rückmeldungen verschwindend gering. Annika hat viele Fans. Neben dem Sessel in ihrem Zimmer stapeln sich braune und weiße Briefe, Päckchen und gelbe Kuverts. Fanpost, ganz analog und altmodisch. "Ich freue mich total darüber. Und ich bemühe mich sehr, jeden Brief zu beantworten."

Nur eins kann die 20-Jährige nicht leiden: Wenn man ihre Arbeit unterschätzt. Der Aufwand, den sie als Youtuberin betreibt, ist enorm: Zweimal die Woche stellt sie ein Video ins Netz. Knapp acht Stunden dauert es jeweils, bis ein Beitrag fertiggestellt ist. Hinzu kommen die Planung, die Pflege ihrer Website, und die Fanpost will natürlich auch beantwortet und die Kommentare gelesen werden. Annika Gerhard verbindet viele Dinge in ihrem Leben mit Youtube: ihre Reisen nach Barcelona oder Venedig, ihre Liebe zur Kunst. "Ich kann alles, was ich mache, mit meinem Job verbinden." Und wie viele Leute können so etwas sonst schon von sich sagen.

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