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Cuvilliéstheater:Wo die Zitronen blühn

Mignon

Die Kostümierung täuscht ein wenig: Sarah Gilford ist eigentlich eine flotte, blonde Persönlichkeit. Neben ihr Caspar Singh als Wilhelm Meister. Die Oper spielt auch teilweise im Schwarzwald.

(Foto: Wilfried Hösl)

Sarah Gilford, seit einem Jahr im Opernstudio der Staatsoper, verkörpert die Titelfigur in Ambroise Thomas' "Mignon"

Von Egbert Tholl

Sarah Gilford ist 28 Jahre alt, sieht jünger aus, ist sehr britisch, ziemlich lustig und spricht ein wunderbares Englisch. Geboren wurde sie in Cardiff, ausgebildet in Manchester, und nun singt sie die Titelpartie in der Oper "Mignon" von Ambroise Thomas, Premiere ist diesen Donnerstag im Cuvilliés-Theater. Dass sie da überhaupt mitsingt, ist die konzise Fügung eines glücklichen Schicksals: Im vergangenen Jahre bewarb sie sich um einen Platz im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, wurde zum Vorsingen eingeladen, dachte sich unbekümmert, wow, aber das wird eh nichts, sang also völlig unbelastet vor - und wurde genommen. Die beiden anderen Vorsingen, die sie noch in petto hatte, braucht sie nicht mehr, das allererste hatte gereicht. Wenn es nach ihr ginge, dann bliebe sie am liebsten gleich ganz hier, auch weil sie ihre EU-Bürgerschaft nicht verlieren will.

Ambroise Thomas vertonte 1866 ein Libretto, das keiner haben wollte, hatte damit zunächst nicht den gewünschten Erfolg, baute daraufhin den tragischen Schluss in ein glückliches Ende um und reüssierte. Neben "Mignon" wird heute von ihm vor allem noch die Oper "Hamlet" gespielt, selten allerdings in Deutschland. Auch dieses ein Werk, dass mit großer Literatur hantiert.

Mignon ist das flirrende Rätselwesen aus Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Den hat Sarah Gilford nicht gelesen, und wenn, würde sie das gern auf Deutsch tun, weil sie den Einfluss von Übersetzungen nicht mag. Dafür übt sie fleißig. Aber zum Verständnis von Thomas muss man sich gar nicht durch den Roman arbeiten, denn von Goethes Gedankengebäude bleiben in der Oper nicht einmal die Fensterläden übrig. Dennoch spielte das Nachdenken auch über den Roman in der Probenarbeit zusammen mit der Regisseurin Christiane Lutz - sie inszenierte 2017 sehr erfolgreich mit dem Opernstudio "The Consul" - eine Rolle. Im Ergründen von den Rätseln der Vergangenheit.

Die Mignon als Figur indes war Gilford schon vorher vertraut, von den Vertonungen von Schubert und Schumann. Deswegen war sie auch erst einmal verblüfft, wie anders etwa "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" auf Französisch wirkt. Aber sie singt gern auf Französisch, die Sprache, die ihr beim Singen als letzte begegnete. Sich darauf nun konzentrieren zu dürfen, macht ihr große Freude. In ihrer Heimat werden fremdsprachige Opern oft auf Englisch gesungen, um dem Publikum den Zugang zu erleichtern. Sie selber findet ins Englische übersetztes Französisch eher seltsam. Wobei: Eigentlich geht es ihr mit allen Übersetzungen ins Englische so. Klinge immer wie Gilbert&Sullivan.

Da freut sich jetzt lieber über das Französische und auch über die Gelegenheit, so einen vielschichtigen, interessanten Charakter verkörpern zu dürfen. So eine Partie! In ihrem Alter. Opernstudio macht's möglich. Das der Bayerischen Staatsoper findet sie eines der besten seiner Art überhaupt, auch weil es eigenständige Produktionen macht und dadurch die Mitglieder große Partien singen können und nicht, wie an anderen Häusern, in normalen Produktionen die dritte Dienerin von links sind. Allein deshalb ist sie gern hier, aber da ist noch etwas anders. Im Sommer war sie zu Hause in England, und fand es dort doch sehr merkwürdig. War fast geschockt. Das Leben im Umgang mit Corona fühle sich in Deutschland normaler an. "Ich fühle mich hier viel sicherer."

Vier Wochen hatten sie schon an "Mignon" geprobt, im April hätte die Premiere sein sollen. Stattdessen kam Corona. Zuerst dachten sie, okay, das war's dann. Dabei waren sie einmal schon durch mit dem Stück. Was dann allerdings das Weiterarbeiten im August erleichterte. Schon in der Grundkonzeption gab es ein paar Striche, daran wurde nun weitergearbeitet, um auf die zwei Stunden Corona-Zeit zu kommen. Gilford hat ihre Arien behalten, die auch die schönsten Nummern im Stück sind. Zwei Wochen hatten sie dann, um die Produktion wieder hochzukriegen und die Kürzungen einzuarbeiten. Sie sieht das ganz pragmatisch: "Nun, wir mussten das machen, um überhaupt in der Lage zu sein, die Aufführung durchführen zu können." Natürlich werden sie getestet und abermals getestet, müssen, wenn nicht auf der Bühne, Maske tragen, sind wie in Salzburg verschiedenen Gruppen zugeordnet, müssen ein Kontakttagebuch führen. Lange her, da schrieb sie im Tagebuch Gefühle auf. Jetzt schaute sie mal wieder rein. Und es schauderte ihr.

Mignon von Ambroise Thomas, Premiere am Do., 3. Sep., weitere Aufführungen: 6., 8., 11., 14., 16., 19. Sep., Cuvilliés-Theater, jew. 19 Uhr

© SZ vom 03.09.2020
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