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Co-Abhängigkeit:Schutzraum für Eltern

Das Zimmer im Alten- und Servicezentrum ist wie ein Schutzraum für die betroffenen Eltern. "Hier kann man über Dinge reden, für die man draußen keine Gesprächspartner hat", sagt einer. Im Gegensatz zu klugen Tipps von Nachbarn, der Großfamilie oder sonst wem im Umfeld gebe es im Elternkreis keine guten Ratschläge, sagt Johanna Brüx. "Wir wollen wissen, wie die anderen betroffenen Eltern umgehen mit ihrer Ratlosigkeit, ihren Schuld- und Schamgefühlen, ihrer Hoffnung und ihren Rückschlägen."

Hier gebe es Antwort auf die Frage, woran man erkennen könne, ob das eigene Kind Suchtmittel konsumiere und wie man sich als Vater und Mutter dann verhalten solle. Auch wenn das Motto "Eltern helfen Eltern" laute, seien auch Angehörige oder Partner von Kranken - welcher Sucht auch immer - willkommen.

Die Mütter und Väter, die an diesem Elternkreis teilnehmen, sind längst Experten - nicht nur für Familienleid, sondern auch, was Suchtkrankheiten angeht. Sie tauschen sich darüber aus, welche Beratungsstelle etwas taugt und wie überfordert die Mitarbeiter des Jugendamts oft sind. Hin und wieder laden sie auch Fachleute ein, Ärzte etwa, die ihnen erklären, wie die erste Heroinspritze in den Rezeptoren des Konsumenten ein neuronales Feuerwerk veranstaltet und das Gehirn dabei für alle Zeit irreversibel umprogrammiert wird.

Wie schließlich der Kick stirbt und der Schmerz die Herrschaft übernimmt. Wie medikamentöse Linderungsversuche neue Abhängigkeiten schaffen. Oder wie der Konsum von Haschisch das Immunsystem ihrer Kinder torpediert, ihnen Angst-Psychosen beschert oder sie für immer verändert hat. Kein Gast würde in dieser Runde auf die Idee kommen, die Liberalisierung von Drogen zu proklamieren.

"Kurz vor dem Abitur hat er die Schule geschmissen"

Neben Heiner Karlsen sitzt eine attraktive Frau mit langer Lockenmähne, roter Strickpulli, rote Hose. "Zu Studentenzeiten gab es bei uns kaum einen, der nicht mal einen Joint geraucht hat. Hasch hatte früher ja auch eine andere Qualität", sagt sie und lächelt dünn. "Aber heute weiß man nicht mehr, was drin ist."

Vor dem Gras war ihr Sohn, damals 16 Jahre alt, mit der Wasserpfeife eingestiegen. "Kurz vor dem Abitur hat er die Schule geschmissen." Er versuche sich gerade im dritten Anlauf am Fachabitur. "Ich glaube", sagt seine Mutter, "dass er momentan nicht kifft, aber ich kontrolliere es nicht mehr. Ich muss mich auch um mich kümmern."

Die Verharmlosung der Einstiegsdroge ist eines der Lieblingsthemen der Runde. Karlsen liefert sofort Zahlen, die belegen sollen, wie sich der Stoff in den letzten Jahrzehnten qualitativ verändert hat. Entscheidend sei der Gehalt des berauschenden Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC): "1968 lag der THC-Gehalt bei Cannabis bei zwei bis fünf Prozent. Heute sind es 20 Prozent." Im Elternkreis begrüßt man jede Veröffentlichung, die das publik macht, wie etwa neulich die im New England Journal of Medicine, in dem erörtert wurde, dass Kiffen weit weniger harmlos ist als lange angenommen. Das Suchtpotenzial der Droge werde chronisch unterschätzt.

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