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Chef in Teilzeit:Darf's ein bisschen weniger sein?

Schritte auf nassem Asphalt, 201

Frauen in Teilzeit in einer Führungsposition: Diese Stellen sind auch in München selten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vorgesetzte in Teilzeit sind immer noch selten. Doch der Fachkräftemangel bringt Unternehmen zum Umdenken. Zwar sind die Stellen in der Wirtschaft rar gesät, doch in einigen Münchner Firmen sitzen Frauen auf dem Chefsessel - mit reduzierten Stunden.

Karriere und Kinder - was für viele wie ein Widerspruch klingt, ist für Vida Brychcy selbstverständlich. Die 41-Jährige ist Abteilungsleiterin bei der Tomorrow Focus AG in München. Noch während ihrer ersten Schwangerschaft hatte sie sich seinerzeit um eine Teamleiterstelle beworben.

Und nach der Elternzeit kehrte sie mit reduzierter Stundenzahl in diese Position zurück. "Für meine Mitarbeiter war das kein Problem, dass ich früher nach Hause gegangen bin", erzählt Brychcy. Es waren eher die Kollegen aus anderen Teams, die sich daran gewöhnen mussten, dass sie am späten Nachmittag nicht mehr am Arbeitsplatz war, zum Beispiel wenn Meetings angesetzt wurden.

Als drei Jahre später das zweite Kind zur Welt kam, ging Brychcy nur acht Monate in Elternzeit, "weil mir bewusst war, dass es eine große Chance war, in der Schwangerschaft eine Führungsposition zu bekommen." Bei ihrer Rückkehr war die Position der Abteilungsleitung unbesetzt - keine Teilzeitstelle, doch das hinderte sie nicht an einer Bewerbung. "Ich konnte meinen Vorgesetzten überzeugen, dass ich das schaffe - und ich schaffe das auch." Am Nachmittag zu Hause auch für Telefongespräche zur Verfügung zu stehen, macht ihr nichts aus, ihre E-Mails checkt sie am Abend nochmals, aber das hat sie auch schon gemacht, als sie noch eine Vollzeitstelle hatte.

Downshifting

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Im Prinzip ja, in der Praxis selten

Jobmodelle wie das von Vida Brychcy klingen verlockend: In der Firma etwas zu sagen und trotzdem noch genügend Zeit für Familie und Freizeit zu haben. Dennoch ist der Anteil von Führungskräften mit Teilzeitjobs noch immer gering. In Deutschland sind 14,6 Prozent der Manager in Teilzeitpositionen Frauen. Der Männeranteil liegt in nur bei nur 1,2 Prozent, so das Ergebnis der Studie über Management und Teilzeitarbeit von Lena Hipp und Stefan Stuth vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Brychcys Arbeitgeber beschäftigt deutschlandweit acht Prozent seiner Führungskräfte in Teilzeit. Bei anderen Unternehmen im Raum München ist diese Quote nicht so hoch. So ist zum Beispiel bei Osram zu hören, dass Führen in Teilzeit zwar prinzipiell möglich, der Anteil solcher Positionen aber "sehr gering" sei. Bei der Versicherungskammer Bayern arbeiten bisher ebenfalls nur vereinzelt Führungskräfte in Teilzeit. Im Bereich Marketing und Vertrieb werden sich wohl von Anfang Januar an zwei Frauen einen Chefposten teilen. Das Angebot befinde sich noch in einem relativ frühen Stadium, das Unternehmen versperre sich dieser Idee aber nicht, betont ein Sprecher.

Flexible Modelle

Bei der Accor-Hotelgruppe werden Führungskräfte in Teilzeit zwar nicht statistisch erfasst, das Modell werde aber gelebt, sagt Sprecher Eike Alexander Kraft. Was das heißt, erklärt Stefanie Schubert: Sie leitet die Marketingabteilung für die Hotelmarke Mercure. Ihr fünfköpfiges Team in München sieht sie allerdings nur alle ein bis zwei Wochen persönlich. Sonst arbeitet sie bei Mann und Tochter in Düsseldorf. "In meinem Team sind einige Mütter, die haben natürlich vollstes Verständnis." Begonnen hat Schubert mit einer Vollzeitstelle in München. Als sie die Familienplanung nach Düsseldorf führte, habe sich ihr Arbeitgeber um eine Lösung bemüht.

Ähnliches versucht auch die Allianz. Das Unternehmen biete den Führungskräften flexible Arbeitszeitmodelle an, damit sie Beruf und Privatleben in einzelnen Lebensphasen optimal in Einklang bringen können. "Besonders bewährt sich das Modell, in dem eine Führungskraft in Teilzeit arbeitet und Teilaufgaben von einem starken Stellvertreter übernommen werden", teilt ein Sprecher mit.