bedeckt München

Bogenhausen:Virtueller Andrang

Landschaft im Münchner Nordosten, 2018
(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eine Online-Veranstaltung zur künftigen Bebauung im Nordosten der Stadt stößt auf großes Interesse

Von NicolE Graner, Bogenhausen

Plopp, plopp und schon wieder. Die Chats an diesem Abend gehen so schnell hin und her, dass man kaum mitkommt mit dem Lesen. Es ploppt schon, bevor der Zoom-Stream offiziell begonnen hat. Die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) im Nordosten stößt bei den Anwohnern auf Widerstand. Lieber hätten sie in Daglfing und Englschalking ihr Dorfidyll bewahrt, als eine Bebauung für bis zu 30 000 Menschen vor ihrer Haustür. Und so ist es kaum verwunderlich, dass es schnell 167 Interessierte sind, die dabei sein wollen, wenn es um ihre Zukunft, um ihr Viertel geht. Es ploppt - ein Zeichen dafür, wie drängend ihre Fragen sind, wie viele Antworten noch ausstehen. Fragen nach der Größe, der Dichte, und ganz nebenbei auch Ängste vor dem viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke Daglfing - Johanneskirchen. Dazu der dringende Wunsch nach einem Tunnel.

Wie geht es aber weiter mit dem großen Gebiet, für das Architekten in einem städtebaulichen Ideenwettbewerb drei Versionen, nämlich für 10 000, 20 000 oder 30 000 Menschen planen sollten? Eine vierteilige Veranstaltungsreihe will nun nicht nur Transparenz in dieser Frage bringen, sondern auch den Dialog fördern: zwischen Planern, der Stadt, Lokalpolitikern und vor allem den Bürgerinnen und Bürgern. Und weil Corona nun keine großen Treffen mehr erlaubt, haben sich die Veranstalter des Gemeinschaftsprojekts der Münchner Initiative für ein soziales Bodenrecht, des Bayern-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Evangelischen Stadtakademie und der Münchner Volkshochschule/Nord-Ost-Forum (MVHS in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum und Nordost-Kultur) für ein Zoom-Meeting entschieden. Dazu haben sie Referenten und zahlreiche Gäste eingeladen, Visionen durchgespielt nach Antworten gesucht.

Im Januar 2020 hat ein Preisgericht den Siegerentwurf des Ideenwettbewerbs gekürt (Architekturbüro Rheinflügel Severin und der Berliner BBZ Landschaftsarchitekten), der die mögliche Voraussetzung einer Bebauung im Nordosten der Stadt München sein könnte. Das Untersuchungsgebiet für die SEM erstreckt sich auf 600 Hektar und umfasst das Gelände des Münchner Trabrenn- und Zuchtvereins in Daglfing sowie das westlich anschließende Gebiet bis zur Bahntrasse.

Preisrichter Markus Allmann stellte in der Veranstaltung noch einmal den ersten Preis und seine Vorzüge vor. Nämlich die Balance zwischen Bebauung und Nicht-Bebauung, von bewirtschaftetem und nicht bewirtschaftetem Landschaftsraum. Und die Aufenthaltsqualität durch einen See für die Öffentlichkeit. Höchst professionell ausgearbeitet seien alle Entwürfe gewesen. Interessant sei aber, wie konventionell letztlich die Vorschläge gewesen seien. "Es gibt vielleicht einen Mangel an Utopien, die in der Welt der Planung nicht vorkommen." Für mehr Utopien warben da Architekten des Zusammenschlusses "Stadt der Vielen", für Grundstücksvergaben im Erbbaurecht und für Mitbestimmung im Quartier wie "Parlamente der Nachbarschaften".

Diskutiert wurde im Chat und mit den Gästen auch über die Zahl der Menschen, die im Quartier wohnen sollen. Man könne doch die Zahlen nicht genau fixieren und das Vorhaben nicht "in bestimmte Strukturen pressen". Man müsse flexibel sein. Dafür sprach sich Sophie Wolfrum, Stadt- und Regionalplanerin, aus. Stadträtin Simone Burger (SPD) warb für die SEM als das richtige Instrument. Aufgrund der Möglichkeit, auf die Bodenpreise Einfluss zu nehmen und langfristig ein preisgebundenes Baurecht zu sichern, könne man "dauerhaften Wohnraum" garantieren. Anders als bei Verträgen und Vorgaben der Sozialgerechten Bodennutzung (Sobon). Auch plädierte sie für die 30 000er Variante. "Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum in der Stadt." Die Sobon sei aber, hieß es im Chat darauf gleich, "die einzig gerechte" Möglichkeit.

Florian Ring (CSU), Vorsitzender des Bezirksausschusses Bogenhausen, sprach dann den Anwohnern und SEM-Gegnern aus der Seele. "Meine Zahl ist klar die 10 000. Denn wir brauchen Freiflächen, die auch wirklich frei sind." Eine kleinere Zahl sei erträglicher im Nordosten. Prompt ploppte es wieder im Chat: "Danke, Herr Ring", hieß es da sofort.

Das strukturierte, informative und angenehm moderierte Zoom-Meeting ( Stephan Reiss-Schmidt, ehemaliger Stadtplaner) machte klar, dass es keinen Entwurf geben könne, der alle befriedige, und es noch keinen Konsens dazu gebe. Man müsse weiterdenken, in größeren Clustern. Man müsse hinterfragen, was die Stadt im Nordosten wirklich brauche, was mit dem Boden geschieht, der so wertvoll ist. Und wer was für wen am Ende baue?

Die nächste Veranstaltung wird sich dann am Dienstag, 8. Dezember, 19 Uhr, mit dem Spannungsfeld von Klima- und Naturschutz, Naherholung und Land(wirt)schaft im neuen möglichen Quartier im Nordosten beschäftigen. Ob es dann wieder ein Zoom-Meeting ist, bei dem es erneut kräftig ploppen dürfte, bleibt abzuwarten.

© SZ vom 21.11.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite