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Bogenhausen:Seltene Einblicke

Areal des neuen Abriss- und Umbauprojektes von Giesecke & Devrient am 09. Januar 2019.

Gibt sich meist verschlossen: Das "Nachbargespräch" bot eine der wenigen Gelegenheiten, das Firmengelände von Giesecke + Devrient zu betreten und nicht nur, wie sonst immer, durch den Sicherheitszaun zu betrachten.

(Foto: Jan Staiger)

Bei einem Nachbarschaftsgespräch stellt Geschäftsführer Marian von Mitschke-Collande die Neubaupläne von Giesecke + Devrient für einen Technologie-Campus auf dem Westteil des Firmengeländes vor

Von Julian Raff, Bogenhausen

Verbotene Zonen wecken die Neugier. Das große Interesse am "Nachbarschaftsgespräch" der Firma Giesecke + Devrient (G+D) galt also wohl nicht nur den Neubauplänen für den westlichen Teil des Firmenareals. Einige der knapp 120 Nachbarn, die am Montag bei widrigem Wetter der Einladung in eine zum Versammlungssaal umfunktionierte frühere Produktionshalle gefolgt waren, dürfte auch der Einblick in den sonst sicherheitshalber abgeriegelten Stammsitz gelockt haben.

Als Bargeld-Drucker bekannt, ist G+D, zumindest am Heimatstandort seit Jahren vorrangig im Bereich elektronischer Sicherheitssysteme tätig. Das Familienunternehmen trägt dem Strukturwandel mit dem Projekt eines Technologie-Campus Rechnung. Der westliche, an der Vogelweidestraße gelegene Teil des Geländes soll hierfür aus der Sicherheitszone ausgegliedert und zumindest teilweise öffentlich zugänglich werden. Wie der Geschäftsführer von G+D Immobilien Management GmbH, Marian von Mitschke-Collande, erklärte, entfällt ein Großteil der geplanten 40 000 Quadratmeter Geschossfläche auf "Multi-Tenant"-Büros. Hier sollen sich Startup-Unternehmen und andere Kooperationspartner aus der IT-Branche mit bis zu 1500 Arbeitsplätzen ansiedeln, zusätzlich zur 2500-köpfigen Münchner Stammbelegschaft von G+D.

Der neue Komplex ersetzt einen Altbau, der von 1952 an - damals noch auf freier Flur - entstand, als das 100 Jahre zuvor in Leipzig gegründete Unternehmen nach dem Krieg in München neu startete. Wie Mitschke-Collande den von den angrenzenden Baustellen der "Bavaria Towers" und des "The Grand"-Wohnkomplexes geplagten Anwohnern zusicherte, "passiert hier dieses Jahr erst einmal gar nichts". Der Abbruch des Bestandes ist frühestens für 2020 geplant, die anschließende Bauphase von 2021 bis Ende 2023.

Mit dem neuen Jahr läuft nun erst einmal ein Planerwettbewerb an. Elf teilnehmende Büros, die Hälfte davon aus München, werden bis zum 9. April ihre Entwürfe einreichen, die im Mai öffentlich ausgestellt und im Sommer in einem zweiten Nachbargespräch diskutiert werden. Zumindest ein Teilnehmerbüro ist für verspielte Entwürfe bekannt. Die Grenzen der Kreativität bestimmen aber ein 35 Jahre alter Bebauungsplan sowie ein positiver Vorbescheid vom Oktober 2018. Demnach können Bauherr und Architekten von sieben Geschossen im Süden an der Prinzregentenstraße ausgehen, gruppiert um einen maximal zehngeschossigen zentralen Hochpunkt. Nach Norden zu, in Richtung Barbarossastraße staffelt sich die Bauhöhe auf vier Geschosse ab. Laut Mitschke-Collande ein bewusster Gegenpol zu dem, was Firma und Anwohner mit den Bavaria-Towers "vor die Nase gesetzt" bekommen hätten.

Den Einspruch gegen einen künftigen fünften und höchsten Turm im Süden hat G+D zwar zurückgezogen, da es hier durch die Umstrukturierung auch aus luftiger Höhe nichts mehr auszuspähen gibt. Auf ein eigenes Hochhausensemble will das Unternehmen aber verzichten, zugunsten eines dezenteren Stadt-Entrées am "Bogenhausener Tor" und natürlich auch, um ein langwieriges und teures Bebauungsplan-Verfahren zu vermeiden.

Als guter Nachbar am Stammsitz empfehlen will sich der Konzern auch, indem er im neuen Komplex rund 800 Erdgeschoss-Quadratmeter für den Einzelhandel reserviert sowie ungefähr 300 bis 600 Quadratmeter für Gastronomie und Coffeeshop. Die Mitarbeiterkantine könnte eventuell mit einem öffentlichen Angebot kombiniert werden. Ein öffentlicher Durchgang zwischen Prinzregenten- und Barbarossastraße ist im Ostteil des Campus geplant. Von der Stadt wünscht sich G+D im Gegenzug eine attraktivere Unterführung nach Norden, in Richtung Vogelweideplatz.

Das Stichwort "Angstraum" fiel auch in der Teilnehmerdiskussion um die Mitarbeiter-Tiefgarage. Einen solchen unbedingt vermeiden sollten die Planer, damit die unterirdischen Stellplätze auch von der weiblichen Belegschaft angenommen werden. Immobilienmanagerin Patrizia Glawon versprach entsprechende Licht- und Raumkonzepte.

Mit neuen Autoströmen rechnet Mitschke-Collande unterdessen schon deshalb nicht, da die jungen Kollegen aus den IT-Startups ihre Arbeitsplätze nicht mehr selbstverständlich mit dem Pkw anfahren würden, zumindest nicht mit dem eigenen. Ein umfassendes Carsharing Angebot gehöre auf jeden Fall genauso zur Planung wie nachhaltiges Bauen. Sauber und ruhig wird es auf der Baustelle natürlich trotzdem nicht zugehen. G+D will daher während der Bauzeit eine Telefon-Hotline für Anwohner einrichten. Nicht nur deren Nerven wollen geschont sein: "Wir sind ja selbst Nachbarn der Baustelle", beruhigte Mitschke-Collande die Zuhörer.

© SZ vom 10.01.2019
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