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Bogenhausen:München bekommt ein jüdisches Gymnasium

  • Kinder sollen Englisch und Hebräisch, Toleranz und gegenseitigen Respekt lernen:
  • Im Herbst 2016 will die Israelitische Kultusgemeinde in Bogenhausen eine weiterführende jüdische Schule eröffnen.
  • Das künftige Gymnasium, das im September 2016 seinen Betrieb aufnehmen soll, wird nicht nur jüdischen Kindern offenstehen, sondern allen.

Es ist ein seit Jahren gehegter Traum der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens (IKG), nun könnte er in Erfüllung gehen: Am Prinzregentenplatz in Bogenhausen soll bereits in gut einem Jahr ein jüdisches Gymnasium eröffnen. Eine Elterninitiative, die sich an der Grundschule der IKG am Sankt-Jakobs-Platz zusammengefunden hat, klärt noch letzte organisatorische Fragen. Unter anderem fehlt ein exakter Finanzierungsplan. Ein pädagogisches Konzept hat die Initiative bereits erarbeitet; auch ein Gebäude, das zumindest für die ersten Jahre genügen soll, hat sie im Visier. Im Herbst sollen die ersten Informationsabende für Eltern stattfinden.

Das künftige Gymnasium, das im September 2016 seinen Betrieb aufnehmen soll, wird nicht nur jüdischen Kindern offenstehen, sondern allen. "Wir möchten das Konzept der Sinai-Grundschule weiterführen", sagt Elinor Shmueloff, die das Projekt gemeinsam mit Miriam Geldmacher, Eugen Alter und Guy Fränkel vorantreibt.

An der staatlich anerkannten Sinai-Grundschule nehmen jüdische und nicht-jüdische Kinder gemeinsam am Hebräisch- sowie an jüdischem Religionsunterricht teil und bereiten sich zusammen auf Feiertage vor. So will die Schule nicht nur jüdische Kultur vermitteln, sondern auch Toleranz und gegenseitigen Respekt einüben. "Die Kinder lieben diese Schule", sagt Shmueloff. Jetzt gehe es darum, ihnen den vertrauten Rahmen zu bewahren. Bislang teilen sich die Schüler nach der vierten Klasse auf verschiedene weiterführende Schulen auf, wo sie von der IKG organisierten Religionsunterricht erhalten.

So sieht das Konzept für die Schule aus

Das Konzept der Initiative sieht nun ein naturwissenschaftlich orientiertes Gymnasium vor. Die Kinder sollen Englisch und Hebräisch lernen, später eine zusätzliche Fremdsprache, außerdem jüdische Religion, Geschichte und Literatur. Das Gymnasium soll wie die Sinai-Grundschule eine Ganztagsschule sein und Essensgeld sowie ein geringes Schulgeld einnehmen. Getragen würde die Schule von der IKG.

Im März 2015 seien an der Grundschule die Eltern befragt worden, erzählt Eugen Alter. "Dabei hat sich eine überwältigende Mehrheit für ein jüdisches Gymnasium ausgesprochen." Die vier Initiatoren nahmen es als Auftrag: Wenig später sprachen sie beim Kultusministerium vor. Das signalisiert Wohlwollen. Zwar könne man Pläne zur Gründung einer Privatschule nicht bewerten, bevor ein konkreter Antrag eingegangen sei, heißt es. Ein jüdisches Gymnasium könne aber "ein bereicherndes Element für das schulische und städtische Leben in München sein", sagt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). "Zugleich wäre es auch ein Zeichen für die Vitalität des jüdischen Lebens in München."

Welche Fragen noch offen sind

Damit der Schulbetrieb im September 2016 beginnen kann, muss die Initiative bis Herbst alle offenen Fragen beantworten; im Mai 2016 wäre die Anmeldung. Der Zeitplan ist straff, aber die Initiatoren sind zuversichtlich. "Entscheidend ist, dass der Wunsch danach da ist, bei der Kultusgemeinde, beim Ministerium und bei den Eltern", sagt Miriam Geldmacher.

Trotz deren großen Zuspruchs ist das Gymnasium allerdings bislang nur einzügig geplant, also mit nur einer Klasse pro Jahrgang von jeweils etwa 25 Schülern. Die Sinai-Grundschule ist bei noch etwas kleineren Klassen immerhin dreizügig. "Für die Eltern ist das ja auch ein Experiment", begründet Shmueloff die Zurückhaltung. Unklar ist zudem bislang, wo das Gymnasium auf Dauer untergebracht werden könnte.

Das Gebäude in der Nähe des Prinzregentenplatzes sei für einen Betrieb mit mehr als vier Klassen zu klein, spätestens nach vier Jahren müsste sich die Schule räumlich vergrößern, sagt Shmueloff. Und auch bis dahin sei es zunächst nur eine Option - mehrere Stellen müssten das Projekt dort noch absegnen, unter anderem müsse ein Architekt prüfen, ob ein Umbau realistisch sei. Zudem müsse man sich mit benachbarten Schulen abstimmen: So gebe es etwa im Gebäude keine Turnhalle. Dafür ist das Haus geschützt - für eine jüdische Institution ist das ein wichtiges Kriterium. Die nächste Polizeiinspektion ist in Sichtweite. Es ist die Inspektion 22, die unter anderem die frühere Privatwohnung Adolf Hitlers als Dienstort nutzt.

Was die Israelitischen Kultusgemeinde bislang anbietet

Mit dem Gymnasium schlösse die IKG eine Lücke in ihrem Angebot. Bislang unterhält sie in München neben genuin religiösen Einrichtungen ein Seniorenheim an der Kaulbachstraße, ein koscheres Restaurant, einen Kindergarten und die Grundschule am Sankt-Jakobs-Platz sowie seit dem vergangenen Jahr eine Kindertagesstätte mit Kindergarten und Krippe an der Möhlstraße in Bogenhausen. Ein weiteres jüdisches Seniorenheim ist an der Pestalozzistraße geplant.

Pläne für ein jüdisches Gymnasium gab es in den vergangenen Jahren immer wieder - und es gibt auch einen Vorläufer: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ein hebräisches Gymnasium in München, freilich unter anderen Bedingungen. Die jüdische Gemeinde galt als vorübergehend bestehende "Liquidationsgemeinde", München war Durchgangsstation vor allem nach Israel und in die USA. Da wenige Juden blieben, lohnte sich kein dauerhafter Schulbetrieb. Das 1946 eröffnete Gymnasium wurde 1951 wieder geschlossen.

© SZ vom 03.08.2015/infu
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