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Bogenhausen:Früher feiern, später umziehen

Das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium erinnert mit Kultusminister Michael Piazolo und jungen Gästen aus Frankreich an seine Gründung vor 50 Jahren - und blickt erwartungsvoll auf den geplanten Neubau

Wenn Kultusminister Michael Piazolo an diesem Montag, 11. November, die Festrede zur 50-Jahr-Feier des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums (WHG) hält, dann ist er damit ein bisschen früh dran. Je nach Sichtweise ein paar Monate zu früh oder gar vier bis fünf Jahre. Denn bezogen wurde das staatliche Gymnasium an der Englschalkinger Straße, wie es damals noch hieß, im September 1973, offiziell eingeweiht sogar erst im Dezember 1974, als auch die Turnhalle fertig war. Und die ersten Vorläuferklassen an der Regina-Ullmann- und der Ostpreußen-Schule wurden 1970 gebildet.

"Wir sind ein halbes Jahr früher dran mit der Feier", räumt auch Schulleiter Uwe Barfknecht ein. Im August hat er den langjährigen WHG-Direktor Wolfgang Hansjakob abgelöst. Als Fachlehrer für Geschichte und Deutsch findet Barfknecht die Parallelen in der Schulgeschichte "faszinierend": Im September 1973 kamen die Gymnasiasten erstmals zum Unterricht an die Elektrastraße. Genau 50 Jahre später, im September 2023, werden sie womöglich zum ersten Mal im Neubau des Hausenstein am Salzsenderweg unterrichtet.

Simulation Neubau des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums

In der Simulation schon fertig: Weil das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium aus allen Nähten platzt, ist schon seit Längerem ein Neubau im Gespräch. In einem Jahr soll Baubeginn am Salzsenderweg sein, 2023 könnte das Gebäude bezugsfertig sein. Entwurf: Hascher Jehle Architektur

Aber vorerst liegt das WHG, Bogenhausens einziges Gymnasium für Mädchen und Jungen, noch am östlichen Ende des Arabellaparks. Als diese Stadterweiterung auf dem Isarhochufer in den Sechzigerjahren Gestalt annahm und immer mehr Menschen in das neue Quartier zogen, entstand auch Bedarf an einer weiterführenden Schule. Errichtet wurde das nüchterne Betongebäude aus Zeit- und Kostengründen nach den gleichen Bauplänen wie Michaeli- und Thomas-Mann-Gymnasium. Der Lokalgeschichtsverein Nordostkultur zitiert auf seiner Website aus dem Richtspruch von 1973: "Der Großstadtlärm kommt immer näher, die Häuser werden immer höher, die Straßen werden immer breiter, und d'Leut, die werden immer gescheiter. Oder vielmehr: Sie möchten gern, daß ihre Kinder gescheiter werdn. Drum sagen sie: ,Jetzt geht's nimmer um, wir brauchen ein Gymnasium.'"

Im Lauf der Jahrzehnte stieg die Schülerzahl, inzwischen werden am Hausenstein, das einen sprachlichen und einen naturwissenschaftlich-technologischen Zweig anbietet, 1340 Gymnasiasten unterrichtet. Ausgelegt sind die Räume aber nur für 900 Schüler. 2010 brachte ein Containerbau mit vier Klassenzimmern Entlastung, seit 2013 ist ein Erweiterungsgebäude mit zwölf Unterrichtsräumen in Betrieb, die Turnhalle wurde generalsaniert. Die Komplettrenovierung des maroden Altbaus aber wurde über die Jahre dreimal verschoben, zahlreiche Irrungen und Wirrungen inklusive. Einmal waren die Umzugskisten schon gepackt, als das Schulreferat die Renovierung wieder absagte. 2018 dann entschied sich der Stadtrat für eine völlig andere Lösung: Das WHG soll in einen Neubau am Salzsenderweg ziehen, der - Stand jetzt - im September 2023 fertig wird. "Wenn alles läuft wie geplant, ist der Baubeginn für Herbst 2020 vorgesehen", teilt das Referat für Bildung und Sport mit. Gerade werde die Entwurfsplanung abgeschlossen, die Projektgenehmigung stehe an. Nach dem Umzug will die Stadt das alte Schulgebäude generalsanieren. Dort soll anschließend eine zusätzliche weiterführende Schule einziehen. Ob Gymnasium oder Realschule, ist noch offen.

Viel zu tun: Chorleiter Zoltán Ambrus übt mit den Schülerinnen und Schülern.

(Foto: Catherina Hess)

Doch jetzt wird erst einmal Jubiläum gefeiert. Zum Festakt am Montag mit Ministerrede und Grußworten gehört auch Musik des Schulorchesters gemeinsam mit dem französischen Jugendorchester Les violons de Bry. Musiklehrer Zoltán Ambrus und seine Schüler sind fleißig am Proben, schon für den gestrigen Sonntag waren zwei gemeinsame Auftritte in St. Rita, Daphnestraße 29, geplant. Zu hören gab es das Prélude aus dem Te Deum von Marc-Antoine Charpentier, das jeder kennt, der schon einmal eine Eurovisionssendung im Fernsehen gesehen hat.

Die Eurovisionsfanfare, ein französisches Partnerorchester, ein Grußwort von Louis Marandet, dem Attaché für Sprache und Bildung am Institut Français - mit diesen Elementen greift das Jubiläumsprogramm auch die Vita von Wilhelm Hausenstein auf, nach dem die Schule benannt ist. Die Lesung "Das andere Leben" mit Schauspieler Thomas Darchinger und Jazzmusiker Wolfgang Lackerschmid über eine Kindheit im Holocaust mit anschließendem Gespräch passt ebenfalls dazu. Hausenstein, 1882 geboren, war Schriftsteller und Journalist, setzte sich gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus ein und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erster Botschafter der Bundesrepublik in Paris.

Schulleiter Uwe Barfknecht organisiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Als Historiker sieht Schulleiter Barfknecht da den "Bogen zurück zum Holocaust", aber auch die Verbindung zur Versöhnung mit Frankreich und zum Europa-Gedanken, kurz eine Möglichkeit, "aus der Historie die aktuelle Demokratie zu diskutieren". So könne der Festakt "zur Demokratie-Erziehung beitragen". Miterleben werden ihn aber nur die Acht- bis Zwölftklässler, denn die WHG-Turnhalle ist zu klein, um alle Schüler und Gäste aufzunehmen. Aber im Sommer sei noch ein Jubiläumsfest geplant, verspricht der Schulleiter. "Da werden wir groß feiern mit allen."