Biodiversität Die Stadt als Refugium bedrohter Arten

Das Referat für Umwelt und Gesundheit legt ein Strategiepapier vor, das Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt und der Erhaltung natürlicher Lebensräume enthält. Der Stadtrat spricht sich einstimmig für dessen Umsetzung aus

Von Thomas Anlauf und Heiner Effern

München steckt in einem Dilemma. Die Wohnungsknappheit bedeutet, dass immer mehr der wenigen freien Flächen bebaut werden. Andererseits brauchen die Menschen Grün- und Erholungsflächen. Vor allem in den Randgebieten der Stadt gibt es noch viel Natur, die als besonders schützenswert gilt. Trotz des bedrohlichen Schwunds von Pflanzen- und Tierarten, der auch in München zu beobachten ist, gilt die Landeshauptstadt als biologischer Hotspot. Unter Federführung des Referats für Gesundheit und Umwelt ist deshalb jahrelang ein Strategiepapier zur Erhaltung und dem Schutz der biologischen Vielfalt erarbeitet worden, das am Dienstag dem Stadtrat vorgelegt wurde. Dieser sprach sich einstimmig für die Umsetzung aus.

Die Biodiversitätsstrategie, die am Dienstag dem Stadtrat vorgelegt wurde, steht unter dem Motto "Vielfalt ist Lebensqualität". Zu den stark gefährdeten Tierarten gehört die Mauerbiene.

(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Die sogenannte Biodiversitätsstrategie stützt sich auf drei Grundpfeiler: den Bestand an Lebensräumen, der Arten und der natürlichen Korridore zu erhalten, die Natur in der Stadt weiter zu entwickeln und dort, wo Natur unvermeidlich zerstört wird, "sämtliche Möglichkeiten zu nutzen, die Biodiversität bestehender, wenig naturnaher Freiflächen zu steigern". Dritter Pfeiler ist der Auftrag, naturbewusst zu handeln, Wissen über die Natur in München zu vermitteln und das naturbewusste Handeln der Münchner, aber auch der Stadtverwaltung zu fördern.

Die Mischung macht's: Die Stadt verpflichtet sich zu einem deutlich besseren Schutz der Tier- und Pflanzenarten und der wertvollen Naturräume wie dem Schwarzhölzl im Münchner Norden.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Vor allem der Schutz und die Sicherung der natürlichen Lebensräume dürften die Stadtentwicklung nachhaltig prägen. Zunächst sollen die Naturräume in München definiert werden, die für den Erhalt der Artenvielfalt unverzichtbar sind. Einige Gebiete wie Münchens erstes Naturschutzgebiet stehen ohnehin unter strengem Schutz: Das Schwarzhölzl mit seinen Bächen, Niedermoorresten und trockenem Magerrasen mit zahlreichen seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten ist Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. Das gilt auch für die Wälder der Isarleitenhänge im Münchner Süden. Insgesamt drei Prozent der Stadtfläche, was etwa der doppelten Größe der Vatikanstadt entspricht, sind ökologisch und naturräumlich so bedeutsam, dass für sie laut dem Strategiepapier "die wirksamsten Schutzinstrumente" eingesetzt werden müssen.

Auch für Rebhühner soll es spezielle Artenhilfsprogramme geben.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Für den Erhalt und die Verbesserung des Biotopverbunds in München sollen künftig Flächen extra angekauft werden, für die es auch planerische Sicherheiten geben soll. Das Ziel ist, Grünzüge besser zu vernetzen und so den Arten eine bessere Verbreitung zu ermöglichen. Künftig soll es auch Artenhilfsprogramme geben, um bestimmte Pflanzen und Tiere, die es in München nicht mehr oder kaum noch gibt, gezielt anzusiedeln. So könnten Reservate für bundesweit gefährdete Ackerwildkrautarten wie den Gewöhnlichen Frauenspiegel angelegt werden, auch Kiebitze, Rebhühner sowie Wildbienen, Heuschrecken und Schmetterlinge sollen in spezielle Artenhilfsprogramme aufgenommen werden. Auch in öffentlichen Grünanlagen sollen künftig nicht nur Rasenflächen, sondern wertvolle Wiesen angelegt werden.

Der gefährdete Idas-Bläuling kommt in der Fröttmaninger Heide vor.

(Foto: Florian Peljak)

Die Stadt setzt auch auf die Bürger. "Nur wenn alle an einem Strang ziehen und den Erhalt der biologischen Vielfalt in München als gemeinsame Aufgabe begreifen", werde die Stadt "für kommende Generationen so lebens- und liebenswert" bleiben, sagt Umweltreferentin Stephanie Jacobs. Im Stadtrat wies sie nochmals eindringlich auf dieses "riesige Zukunftsthema" hin. München müsse alles unternehmen für die bedrohten Tiere und Pflanzen in der Stadt, "für den Schatz, den wir da haben".

Auch die Fraktionen im Umweltausschuss begrüßten die neue Biodiversitätsstrategie. "Auch wenn es lange gedauert hat", wie Grünen-Stadträtin Sabine Krieger bedauernd anmerkte. In Zahlen: Seit dem Beschluss, die Strategie zu erstellen, und deren Vorlage sind fünf Jahre vergangen. Nachdem der Schwarze Peter dafür von den Grünen über die CSU und schließlich an die SPD weitergeschoben worden war, einigte man sich weihnachtlich auf allgemeine Freude, dass nun doch endlich was passiert. Wobei die Grünen schon noch anmerkten und in einem Antrag hinterlegten, dass es schnell gehen sollte und das Rathausbündnis aus SPD und CSU dafür auch rechtzeitig das nötige Personal und Geld zur Verfügung stellen sollte.

Münchens Umweltverbände begrüßen das Strategiepapier zur Artenvielfalt grundsätzlich, kritisieren jedoch zum Teil fehlende Handlungsansätze und kaum konkrete Beispiele, welche Flächen wie geschützt werden könnten. Der Landesbund für Vogelschutz lobt, dass sich München nun "spät, aber so hoffen wir, nicht zu spät, einer Biodiversitätsstrategie verpflichten will". Der Bund Naturschutz hätte sich "für die Handlungsfelder einen deutlich höheren Detaillierungsgrad gewünscht".