Bildung:"Jeder hat das Recht auf Bildung"

Bildung: Christina Urner fühlte sich oft fehl am Platz in der Uni - ein Gefühl, dass viele Arbeiterkinder teilen.

Christina Urner fühlte sich oft fehl am Platz in der Uni - ein Gefühl, dass viele Arbeiterkinder teilen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Christina Urner ist Bundesland­koordinatorin von "Arbeiterkind.de" für Bayern. Die Organisation unterstützt junge Menschen, die als erste in der Familie studieren

Interview von Theresa Parstorfer

Seit 2018 ist die studierte Kulturmanagerin Christina Urner, 30, Bundeslandkoordinatorin von "Arbeiterkind.de" in München. Die gemeinnützige, spendenbasierte Organisation unterstützt seit elf Jahren Studierende, deren Eltern selbst nicht an der Universität waren, 2018 erhielt die Gründerin Katja Urbatsch für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz. Denn: Chancengleichheit ist in Deutschland immer noch nicht gegeben: von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 79 mit einem Studium. Aus Nicht-Akademikerfamilien sind es lediglich 27.

SZ: Frau Urner, haben Ihre Eltern studiert?

Christina Urner: Nein. Mein Vater hat keine Ausbildung. Er hat beispielsweise Arbeiten gemacht, wie Teile am Fließband kontrollieren. Meine Mutter war zuletzt Altenpflegerin.

Aber Sie haben dann studiert?

Ja, ich hatte nie Probleme in der Schule, und bekam auch eine Empfehlung für das Gymnasium. Meine Eltern haben gesagt, wenn das dein Weg ist, dann geh' ihn. Sie haben immer versucht, mich finanziell zu unterstützen. Und als ich meine Bachelorarbeit fertig hatte, haben sie gefragt, ob sie die Arbeit lesen dürften. Das fand ich total schön.

Also sind Sie ein Arbeiterkind?

Ich habe tatsächlich erst angefangen, das zu reflektieren, als ich die Stellenausschreibung von Arbeiterkind.de hier in München gefunden habe und dachte: Das bin ja ich. Genau damit habe ich mich dann auch beworben: Ich habe gesagt, das ist meine Geschichte. Ich weiß, wie es sich anfühlt, an der Uni zu sein, wenn die Eltern das nicht waren.

Wie fühlt sich das an?

Wenn ich zurückblicke, ist es schon so, dass ich mich im Gymnasium kaum getraut habe, etwas zu sagen. Ich war nicht sehr selbstbewusst, und das hat sich bis ins Studium gezogen. Ich habe immer gedacht, ich könnte was Falsches sagen, das den anderen offenbart, dass das eigentlich gar nicht mein Platz ist. Das kann ich jetzt erst verstehen und einordnen.

Wie ordnen Sie es denn ein?

Heute weiß ich, dass es vielen Kindern ohne akademischen Familienhintergrund genauso geht und dass das daran liegt, dass mir nicht die Selbstverständlichkeit mitgegeben wurde: Klar, gehst du auf das Gymnasium, klar studierst du, klar, schaffst du das. Da fehlen Rollenvorbilder im Umfeld, die selbst studiert haben.

Was kann Arbeiterkind.de gegen so ein Gefühl tun?

Ich glaube, Nicht-Akademikerkinder brauchen gezieltere Förderung. So, dass alle die gleichen Chancen haben und alle gleich informiert über den Bildungsweg entscheiden können. Unsere Stärke ist es, diese Information durch authentische Beispiele zu vermitteln. Unsere Ehrenamtlichen tun das in Schulvorträgen, bei denen sie von sich selbst erzählen, aber auch Fragen rund ums Studium beantworten, und wir merken, dass da der Bedarf enorm ist.

Was sind andere Probleme, mit denen Arbeiterkinder zu kämpfen haben?

In den Schulvorträgen konzentrieren wir uns auf die drei Hauptfragen: Warum studieren? Was studieren? Und wie finanzieren?

Warum sollte man denn studieren? Es gibt auch die Meinung, in Deutschland herrsche ohnehin Überakademisierung, während in Ausbildungsberufen händeringend Nachwuchs gesucht wird.

Für unsere Zielgruppe sehen wir keine Überakademisierung. Arbeiterkinder sind an Hochschulen unterrepräsentiert, nur jedes dritte Nichtakademikerkind mit Abitur beginnt ein Studium. Obwohl weit mehr den Wunsch und das Potenzial haben. Außerdem ist statistisch erwiesen, dass mit einem höheren Bildungsabschluss ein sozialer Aufstieg einhergeht.

Ist Bildung also Statussymbol?

Es scheint zumindest so zu sein. Meine persönliche Überzeugung ist, dass jeder das Recht auf Bildung hat. Noch dazu auf die Art von Bildung, die er sich wünscht.

Gibt es Herausforderungen, die in München speziell sind?

Ich merke, dass unsere Gruppe ein großes Augenmerk auf Finanzierung legt. München ist einfach sehr teuer und die Lage auf dem Wohnungsmarkt schwierig.

Wie konkret sind die Engpässe der Studierenden?

Wenn ich Bafög beantrage, mich dafür erst immatrikulieren muss, aber davor noch Kaution und die erste Miete zahlen muss, dann wird immer wieder deutlich: Dieses Geld haben manche jungen Leute nicht. Daran kann ein Studienwunsch scheitern.

Was raten Sie in solchen Fällen?

Wir versuchen immer, die Perspektive auf ein Stipendium zu eröffnen. Das ist etwas für alle, man braucht nicht überall Einsen. Vor allem, wenn man Engagement und auch den Familienhintergrund zeigen kann, dann hat man gute Chancen.

© SZ vom 18.02.2020
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