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Bersteiger und Buchautor:Frei schreiben

Nicholas Mailänder hat eine neue Biografie über den Tibet-Pionier Peter Aufschnaiter verfasst. Das Buch war für den Extremkletterer nicht nur akribische Arbeit. Sondern auch eine Art Therapie

Als Nicholas Mailänder das Buch über Peter Aufschnaiter im vergangenen Mai endlich fertig geschrieben hatte, ging das Manuskript noch an dessen Erben. Dann stieg Mailänder aufs Fahrrad und fuhr los. Er radelte über den Brennerpass nach Italien; es fühlte sich gut an, verdammt gut sogar, und er radelte weiter. Er erkundete die engen Gassen kleiner Städte und die Weite der Po-Ebene, schlief in seinem kleinen Zelt oder einfach in Scheunen, und wenn er nicht mehr radeln wollte, dann schob er sein Fahrrad ein Stück neben sich her. Oft genug hörte er auch einfach nur dem Zirpen der Grillen in den Gräsern zu oder spielte auf seiner Blockflöte. Manchmal dachte er an seine Frau Liz, die er so gerne noch an seiner Seite gehabt hätte, und Mailänder sagt: "Ich war heile."

Mailänder, bald 70, sitzt jetzt wieder in seinem Garten vor dem kleinen Haus im Osten Münchens. Man könnte ihn glatt übersehen. Er fällt ja kaum auf mit der Strickmütze und der blauen Fleece-Jacke, deren Ärmel über die immer noch kräftigen Unterarme gekrempelt sind. Auf dem kniehohen Tisch vor ihm eine Kanne Tee, hinter ihm ein Stapel Holz, "selbst im Wald geschlagen". Er lächelt, fast jungenhaft, und sagt, wie sehr es ihn freue, in der Sonne sitzen zu können. Dann beginnt er zu erzählen. Von den Bergen, dem Klettern, dem Schreiben seines kürzlich erschienen Buches "Er ging voraus nach Lhasa", einer Biografie über Peter Aufschnaiter. Der Bergsteiger geriet vor einem dreiviertel Jahrhundert während einer Nanga-Parbat-Expedition infolge der Kriegserklärung Englands an das deutsche Reich in Indien in Gefangenschaft und flüchtete von Indien nach Tibet. Seine Flucht in die tibetische Hauptstadt Lhasa, wo der Österreicher anschließend noch mehrere Jahre leben sollte, wurde vor allem durch den Bestseller seines Begleiters Heinrich Harrer "Sieben Jahre in Tibet" bekannt.

Mailänder erzählt auch davon, wie er seine Frau verlor. Und von jenem Jahr, als er die große Liebe fand: 1973.

Und was war das für ein Jahr. Fiel es doch in jene Zeit der Unbeschwertheit, als der Pädagogik-Student und Kletterer zwischen Baden-Württemberg und Boulder, Colorado, lebte und schwebte. Beeinflusst von der Beat-Generation, jener amerikanischen Subkultur, mit der sich auch die Jünger der Kletterbewegung identifizieren konnten, kletterte es sich gleich noch besser. War der Kopf mal nicht bei diesen "steinernen Kreuzworträtseln", wie der irgendwie geniale Mailänder die Aufgaben am Felsen einmal bezeichnete, dann war er in der Literatur. In dieser Lebensphase des Vollgas-Gebens lernte er also die US-amerikanische Topalpinistin Liz Klobusicky kennen, damals schon Dozentin an der Universität Reutlingen. Nach wenigen Wochen zogen sie zusammen, ein paar Monate später heirateten sie in den USA.

Nicholas Mailänder unter Tibetischen Gebetsfahnen im Garten vor seinem Haus im Hintergrund. Die Fahnen hängen am Gartenhaus bzw. seinem Materiallager zum Bergsteigen.

Am Gartenhaus von Nicholas Mailänder hängen tibetischen Gebetsfahnen.

(Foto: Florian Peljak)

Die Berge und Felsen blieben zeitlebens ihr Rückzugsgebiet, auch dann noch, als Mailänder "die Vorhut des vertikalen Kinderkreuzzugs verließ und mich zum schreibenden Begleittross gesellte". Aber diesen Satz schrieb er erst viel später. Vorerst lebte er im Ammerhof bei Tübingen mit Kletterern und selbst ernannten Widerständlern gegen die imperialistische Unterdrückung in einer Wohngemeinschaft, arbeitete als Freizeit-Pädagoge in einem hessischen Internat ("hatte nach drei Jahren keine Lust mehr") und bereitete sich schließlich auf die ganz großen Aufgabe eines Alpinisten vor. Er wollte in den Himalaja, "mein größter Wunsch". Manchmal rannte er die Berge deshalb auch hinauf, als Vorbereitung auf die Plackerei an den Achttausendern.

Nur ist es schon auch so: "Hin und wieder kriegst du eine vom Schicksal zwischen die Beine gehauen." 1982 starb sein Freund Reinhard Karl, eine Art Jimi Hendrix der deutschen Freikletterszene, an dem 8188 Meter messenden Cho Oyu in einer Eislawine. Mailänder wollte jetzt nicht mehr auf die höchsten Berge. "Geist entwickeln und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen", hießen nun die Ziele Mailänders. Er widmete sich also fortan unter anderem der Philosophie des tibetischen Buddhismus', half beim Aufbau eines Meditationszentrums und später bei einer Buchübersetzung seines Lehrers Lama Gendün Rinpoche vom Englischen ins Deutsche.

Wenn es wirklich stimmt, dass einen die Umwege über die Berge viel weiter bringen als es die Pfade in der Ebene tun, dann ist Mailänder weit gekommen. Obwohl er auf den Himalaja verzichtete, war sein Leben nie flach, ihm der einfachste Weg ein Gräuel. Kurz nachdem er mit seinem Freund Achim Pasold den auch heute noch auf Kletterliteratur spezialisierten Panico-Verlag gegründet hatte, stellte er fest: "Kletterführer machen interessiert mich nicht." Er arbeitete bei der Zeitschrift Alpin, um das Schnellschreiben zu perfektionieren, wechselte für acht Jahre zum Deutschen Alpenverein, wo er die sich immer stärker verhärtenden Fronten zwischen Naturschützer und Kletterern wieder aufweichen sollte, und als er Ende des Jahrtausends merkte, dass sein Arbeitgeber "zum ADAC der Berge abdriftete", kündigte er und wurde freischaffender Autor.

Mailänder war Extremkletterer, dann widmete er sich der Alpinliteratur.

(Foto: Reinhard Karl/Archiv des DAV)

Er, der schon immer ein Typ für spezielle Themen war, entwickelte sich zur Wühlmaus der Alpinliteratur, zu einem Vertreter jener seltenen Gattung gründlicher Bergschreiber, deren Texte sich nicht in impressionistischer Sonnenuntergangspoesie oder selbstsüchtigen Psychotrips erschöpfen. "Die Alpingeschichte, die Hintergründe", sagt er, das sei sein Metier. Es entspricht ja auch seinem eigenen Lebenslauf, die Dinge zu hinterfragen. Allerdings hätte sich seine einst in englischer Sprache verfasste Abschlussarbeit über das Verhältnis der US-Regierung zu den amerikanischen Ureinwohnern womöglich nicht so viel schlechter verkauft als sein 2003 veröffentlichtes Werk Hart am Trauf über die Geschichte des Kletterns auf der Schwäbischen Alb. Dennoch blieb er seiner Linie treu. 2006 beleuchtete er in dem Buch "Im Zeichen des Edelweiss" nicht nur Münchens Geschichte als Bergsteigerstadt, sondern auch die Rolle des Deutschen Alpenvereins im Nationalsozialismus - ein Verein, der bereits ein Jahrzehnt vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten deren Ideologie umsetzte und sich nach dem Krieg wiederum beschämend lange mit der Aufarbeitung der Geschichte Zeit ließ. Mailänder nennt es "eine interessante Arbeit, das alles zusammen zu puzzeln".

Die Familienplanung? "Wir haben die Kinder so lange verschoben, bis es zu spät war." Das war kein Problem für ihn. Selbst seine irische Mutter habe ihm und seiner Frau immer gesagt, man könnte auch ohne Kinder "happy" sein. Er sei das auch gewesen, "ein fröhlicher, ein neugieriger Bub". Bis am 26. November 2006 im Allgäu mal wieder das Schicksal zuschlug.

Er saß damals auch ganz friedlich in der Sonne, nach einer Kletterroute im Schwierigkeitsgrad 6+, eine "triviale Tour", wie er selbst sagt. Seine Frau seilte sich gerade noch selbst ab, Routinearbeit für eine Könnerin wie sie. "Dann hab' ich den Schrei gehört." Liz Klobusicky-Mailänder fiel, 15 Meter tief, und überlebte mit schwersten Verletzungen. Krankenhaus, Medikamente, Depressionen, das volle Programm, alles umsonst. Vier Monate und 14 Operationen nach dem Unfall starb sie.

"Wenn du 34 Jahre verheiratet bist und die Frau zutiefst liebst, dann ist das, als würdest du den Oberschenkel verlieren", sagt Mailänder. Er habe etwas gebraucht, um am Leben zu bleiben.

Dankbar nahm er das Angebot des Tyrolia-Verlags an, Peter Aufschnaiters Schriften über dessen Leben in Tibet neu herauszugeben. Erst zögerlich, weil ihm auch der damalige Alpenvereins-Geschäftsführer mit einer Anstellung als Leiter des Kuratoriums Sport und Natur durch das persönliche Stimmungstal half, nach seinem Renteneintritt im Jahr 2012 mit der ihm eigenen Akribie. Bevor er den ersten Satz tippte, recherchierte Mailänder eineinhalb Jahre lang, um das polyglotte Naturtalent und NSDAP-Mitglied Aufschnaiter als Mensch überhaupt zu begreifen. Er fuhr in die British Library nach London, um Akten zu durchwühlen, stöberte in Kitzbühel ein altes Tagebuch auf, holte den Aufschnaiter-Forscher Otto Kompatscher ins Boot. Dann war er überzeugt: Die geplante Schriftensammlung muss zur Biografie erweitert werden. Beim Schreiben habe er schließlich eine innere Freude gespürt.

Als er im vergangenen Juni von seiner Radtour wieder nach Hause kam, lag eine Antwort-Mail von Aufschnaiters Erben im Postfach mit dem Inhalt: Das Buch könne so gedruckt werden. Mailänder sagt, er sei selten so erleichtert gewesen. Und vielleicht kann man das auch als Zeichen verstehen, dass es das Schicksal manchmal gut mit einem meint.

"Er ging voraus nach Lhasa. Peter Aufschnaiter. Die Biografie", Buchpräsentation und Diskussion, Dienstag, 2. April, Alpines Museum des Deutschen Alpenvereins, Praterinsel 5, Beginn: 19.30 Uhr.