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Berg am Laim:Ein Messe-Clown als Chaos-Coach

"Loslassen und zupacken" nennt Walter Burgmeier seine Firma. Das gilt auch für sein Leben.

(Foto: Robert Haas)

Corona hat das Berufsleben von Walter Burgmeier auf den Kopf gestellt, doch der 60-jährige Unterhaltungskünstler hat sich neu erfunden: Sein Start-up hilft beim Aufräumen, Umräumen und Ausräumen

Von Jürgen Wolfram

Waren das herrliche Zeiten, die 30 Jahre vor Corona. Da tingelte er als Clown "Luigi" durch die Welt, mimte in der Kaffeewerbung den Barista, setzte bei Jubiläumsfeiern, Erlebnisdinnern und auf Messen komödiantische Akzente. Vorgestern Amsterdam und Düsseldorf, gestern Stockholm oder Hannover. Und heute? Alles vorbei, Walter Burgmeier aus Berg am Laim ist kein Unterhaltungskünstler mehr. Corona hat ihm das Rampenlicht abgedreht, binnen weniger Monate alle Aufträge vermasselt. Doch Kapitulation gehört nicht zum Repertoire des 60-Jährigen, er hat im Sommer umgesattelt, sich "neu erfunden". Aus dem modernen Clown von ehedem ist ein Ordnungscoach mit eigener Firma geworden. "Loslassen und zupacken" heißt sein Start-up. Wer Nachlässe oder üppige Hausstände sichten, ordnen, auflösen will, ist bei ihm an der richtigen Adresse. Für Wohnchaoten hält er wertvolle Tipps bereit. Aufräumen, umräumen, ausräumen - da kennt der selbständige Unternehmer inzwischen alle Kniffe.

Der Slalom, den das Leben schreibt, bei Burgmeier ist er von Anfang an kurvenreich gesteckt. Ursprünglich gelernter Maschinenbau-Ingenieur, arbeitet er drei Jahre als Planer in namhaften Architekturbüros. Dort geht ihm alles zu langsam, zu viel millimetergenaues Klein-Klein. Mit einem Wort: Ermattungsgefahr. Es folgt eine Zeit als Nachhilfelehrer, dann wechselt er in die Veranstaltungsbranche. Der bliebe er gern treu, versucht es in diesem Frühsommer noch mit einer Bewerbungsoffensive, bietet sich als Eventmanager an. Funktioniert aber nicht.

Als zukunftweisender soll sich die Begegnung mit einem entfernten Verwandten erweisen. Der erzählt Burgmeier vom aufkommenden Geschäftsmodell des Ordnungscoachings, das über die klassische Entrümpelung weit hinausgeht. "Die Idee hat mich richtig angeflogen", sagt Burgmeier, "sie kann in einer alternden Gesellschaft nicht verkehrt sein."

Erste Kundenkontakte schüren Hoffnung. Zwar bremst Corona auch hier die Nachfrage. Selbst Zeitungsanzeigen ändern daran nichts. Doch die ersten Häuser hat der einstige Internatsschüler, dessen Kindheit sich auf einem Einödhof bei Regensburg abspielte, mittlerweile durchforstet. In einem Fall stößt er auf NS-Memorabilien, in einem anderen auf einen riesigen Stapel Dokumente und jedes Mal auf Einrichtungsgegenstände, "die man nicht einfach als Müll entsorgen kann". Sensible Gespräche mit den Eigentümern und ihren Angehörigen - "sehr oft Menschen in einem Umbruch" - sind zunächst die Folge. "Da geht es dann eher um Prozessbegleitung als um Entrümpelung." Kein Wunder, dass am Anfang stets ein "vertrauensbildendes Kennenlernen" steht. Das ist kostenlos. Stundensätze wie bei einem besseren Facharbeiterlohn oder projektbezogene Pauschalen schlagen erst später zu Buche.

Burgmeier erfährt in privaten Kreisen viel Zuspruch. Doch auch so sagt ihm seine Lebenserfahrung: "Ich bin in der richtigen Spur." Ordnungscoaching sei "völlig angesagt". Weshalb er weiterhin Flyer in Umlauf bringt und an einem Netzwerk knüpft, um Psychologen und echte Entrümpler mit ins Boot zu holen. "Mein Geschäft ist ein weites Feld, das kann man auf Dauer nicht allein bestellen", glaubt er. Zum Glück hielten sich die Vorlaufinvestitionen im Rahmen: "Im Grund braucht man nur Fantasie, Einfühlungsvermögen und vielleicht noch einen Wagen mit Anhänger." Ein rasches Ende der Pandemie käme ebenfalls gelegen. Denn noch lebt Walter Burgmeier überwiegend von Ersparnissen.

© SZ vom 02.01.2021
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