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Berg am Laim:Dampf ablassen in der Energiezentrale

Der Verein "Free Arts of Movement" baut im früheren Pfanni-Kraftwerk ein Trendsportzentrum. Neben der Querfeldein-Fortbewegung Parkour stehen Trampolinsport und Freestyle-Akrobatik im Vordergrund - für alle Altersgruppen. Die Eröffnung ist für den 14. September geplant

Es bewegt sich einiges im Werksviertel, das Bauloch fürs Konzerthaus wird tiefer, das Riesenrad läuft rund, neue Bauten entstehen, viele Menschen strömen in die Büros und Ateliers, abends in die Lokale und Bars oder ins Musical. Manchmal aber springt auch jemand unverhofft über eine Mauer, hängt gleich noch einen Salto dran, schlägt ein Rad, rennt weiter und ist, ehe man sich versieht, in einer Lokomotive verschwunden.

Das ist dann sicher einer der Macher oder Trainer von Free Arts of Movement, kurz Fom. Dieser stadtweit agierende gemeinnützige Verein mit 750 Mitgliedern um seinen Vorsitzenden Andreas Ruby hat sich den "turnorientierten Trendsportarten" verschrieben. Er hat schon lange eine ideale Halle gesucht für Parkour, diese vielen Älteren verrückt erscheinende Art der Querfeldein-Fortbewegung über sämtliche Hindernisse hinweg, zudem für Trampolinsport oder Freestyle-Akrobatik.

Andreas Ruby und Irene Prestele haben sichtlich Spaß auf dem Trampolin.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jetzt hat Andreas Ruby den perfekten Ort gefunden, direkt hinter der Lokomotive, die viele Jahre lang das Wahrzeichen und der Eintritts-Tunnel für das Kultikids-Erlebniskraftwerk war. Derzeit wird mit neuen spannenden Einbauten, einer Investition "im fünfstelligen Bereich", aus dem in die Jahre gekommenen Kinderparadies etwas Neues: das "Free Arts of Movement Erlebniskraftwerk". Am Samstag, 14. September, von 10 Uhr an wird es bei einem Tag der offenen Tür präsentiert.

Unglaublich, wie wandlungsfähig ein altes Gemäuer sein kann: Zu Pfanni-Zeiten war das Haus die Energiezentrale, erst wurde mit Kohlen geheizt - die historischen Fotos in den Vitrinen im Durchgang von "Werk 3" zeigen noch die schwarzen Kohlenberge auf dem Gelände - danach kam das Öl, das Gas, die Biomasse. Nach dem Ende der Knödel-Ära stand oben auf einer Plattform in dieser Halle der DJ. Ein drogenreicher TV-Tatort aus München mit den Komissaren Ivo Batic und Franz Leitmayr wurde in dieser Disko gedreht. Es folgte, zur Zeit der Kultfabrik, der Verein Kultikids als Nutzer, 15 Jahre war hier für Großstadt-Eltern eine gute Indoor-Spiel-Adresse für verregnete Nachmittage und lebhafte Kindergeburtstage im interessanten Industrie-Ambiente. Doch die Nachfrage hat nachgelassen, die Bobbycar-Oase war im Baustellengewirr nicht mehr gut erreichbar, mancher Familie war sie auch nicht mehr hip genug.

Martin Schütz vor der Lokomotive: Er freut sich auf das neue "Free Arts of Movement Erlebniskraftwerk".

(Foto: Stephan Rumpf)

Rubys Verein war auch schon früher als einer der vielen Mitnutzer Teil des Angebots im Erlebniskraftwerk, jetzt wird er verantwortlicher Träger für das gesamte neue Programm. Er und seine bis zu 40 Trainer konzentrieren sich auf "Functional Fitness". Wer hier künftig Sport macht, plant keine Kür und trainiert nicht stur auf einen Wettbewerb hin - Wettkampf findet der Vereinschef ohnehin eher kontraproduktiv. Hier lerne der Freizeitsportler sich selbst einzuschätzen, seine Bewegungen zu koordinieren, sich dabei frei zu entfalten - ob auf Matten, dem Trampolin oder auf den neuen Treppen und Türmen.

So gesehen kann das Erlebniskraftwerk ein Kinderparadies bleiben, doch alle Altersgruppen sind eingeladen, "von null bis 99", sagt Ruby. Sein Team will neben dem offenen Zugang auch Gruppen anbieten und Geburtstagsfeiern, er plant eine Mischung aus Lernen und Bewegen und einen Mix aus Ernährungslehre und Fitness. "Wer nach dem Besuch oben an der Bar keine Lust hat, die Treppe zu nehmen, der springt direkt runter." Er lacht.

Josef Glasl, Sprecher von "Werksviertel Mitte" stellt das neue Erlebniskraftwerk mit Freude in den Gesamtzusammenhang. Es passe einfach hervorragend ins Konzept der handverlesenen "Siedler": Im Werksviertel sollen alle mit allen vernetzt werden, "sich gegenseitig befruchten". Also denke Ruby auch an After-Work-Fitness. Und im neuen "Masterplan Mobilität", der derzeit fürs Werksviertel erarbeitet werde, spiele das Zu-Fuß-Gehen eine entscheidende Rolle, das kann man hier lustvoll lernen. Wichtig sei den Verantwortlichen, dass das Angebot erschwinglich bleibe, die Miete sei bewusst moderat.

Die letzten Arbeiten sind im Gange, es gibt bereits erste Workshops.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für den 34-jährigen Sportlehrer Ruby geht hier ein Traum in Erfüllung, denn die rund zwölf Meter hohe Halle mit ihren 800 Quadratmetern passt perfekt, er muss nicht, wie in Schulturnhallen, alles auf- und dann wieder abbauen. Auch Martin Schütz und Irene Prestele, Vorsitzende des Vereins Kultikids, sehen den Wandel des Kraftwerks positiv. Ihr Verein wolle sich im Werksviertel verstärkt anderen Aufgaben widmen, er werde etwa die Almschule auf dem begrünten Dach vom orangefarbenen Werk 3, wo auch Schafe leben, übernehmen und ausbauen. Schütz zeigt auf besondere Steine in einem der neuen Bauten: Nistplätze für Mauersegler. Eine Kamera werde das Leben der Vögel aufs Alm-Dach übertragen.

Schütz und Prestele haben im Werksviertel eine ganze Menge andere Aufgaben, Schütz ist unter anderem im Vorstand der Otto-Eckart-Stiftung und organisiert das jährliche Kinder- und Jugendfestival Juki, das am 6. Oktober stattfindet, Prestele ist "Beauftragte für Soziales, Museen und Archivierung". Sie begab sich bei der Baustellen-Besichtigung mit Ruby vertrauensvoll aufs Riesen-Trampolin - und war noch lange danach sichtlich beschwingt.