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Berater in Istanbul:Ude kehrt in die Politik zurück

Oberbürgermeister Christian Ude kehrt in sein Büro ins Rathaus zurück

Doppelter Ude: einmal kurz nach der Landtagswahl 2013 in seinem Rathausbüro, einmal auf dem Teppich, den ihm ein türkischer Mitbürger geschenkt hat.

(Foto: Florian Peljak)

Von wegen Ruhestand: Christian Ude wird wieder aktiv, noch ehe seine Rente richtig begonnen hat. Doch der ehemalige Oberbürgermeister arbeitet künftig nicht in München, sondern in Istanbul. Und dort wird es bunt.

Eigentlich ist Christian Ude als bekennender Mykonos-Fan ja ein halber Grieche. Aber auch der Türkei fühlt sich Münchens ehemaliger Oberbürgermeister seit vielen Jahren verbunden, dabei sind auch enge persönliche Freundschaften entstanden. Eine dieser Freundschaften hat jetzt dazu geführt, dass Udes politischer Ruhestand schon wieder zu Ende ist, noch ehe er richtig begonnen hat. Ude wird Berater von Ali Kilic, dem Bezirksbürgermeister des Istanbuler Stadtteils Maltepe, der im ärmeren, asiatischen Teil der türkischen Millionenmetropole liegt und etwa 500 000 Einwohner zählt.

Die politische Struktur Istanbuls ist am ehesten mit der Berlins vergleichbar, wo der Regierende Bürgermeister fürs große Ganze zuständig ist, während sich die Bürgermeister der einzelnen Stadtbezirke um unzählige örtliche Projekte kümmern müssen, die angesichts der Einwohnerzahl leicht großstädtische Dimensionen annehmen können. So ist es auch in Istanbul. "Ein Bezirksbürgermeister wird dort als Bürgermeister wahrgenommen", sagt Ude.

Lange Freundschaft

Kilic, der der türkischen Oppositionspartei CHP angehört, ist erst seit Ende März im Amt. Er wurde am selben Tag gewählt, an dem in München Dieter Reiter in der Stichwahl zu Udes Nachfolger gekürt wurde. Und Kilic ist einer der ältesten persönlichen Freunde Udes. Wie er erzählt, haben sich beide Anfang der Siebzigerjahre kennengelernt, als der junge Ude in die Türkei fuhr, um Wölfe in freier Wildbahn zu fotografieren. Einen Wolf traf er damals zwar nicht, aber bei seinen Streifzügen stieß er auf einen Bergbauernhof, wo er herzlich bewirtet wurde. Die Männer des Hofes arbeiteten alle als Gastarbeiter in München, die Frauen waren mit ihren Kindern die meiste Zeit allein. Und das einzige blonde Kind, das es auf dem Hof gab, war Ali Kilic. "Seit dieser Zeit kenne ich ihn", sagt Ude.

Später vertiefte sich die Freundschaft, Kilic wurde Journalist, schrieb viel über München, gründete die deutsch-türkische Freundschaftsföderation, die regelmäßig die türkische Kulturwoche in München veranstaltete. Für Ude war es deshalb "keine Frage", sofort zuzusagen, als Kilic ihn um Unterstützung bat.

Münchens ehemaliges Stadtoberhaupt soll seinen Istanbuler Freund mit seiner langjährigen Erfahrung bei konkreten kommunalen Projekten beraten. Das erste dieser Projekte ist die Gründung einer eigenen Messegesellschaft für den asiatischen Teil der Stadt. "Da habe ich ihm schon sehr konkrete Ratschläge gegeben", sagt Ude. Auch das wegen der harten parteipolitischen Fronten belastete Verhältnis zur Gesamtstadt, die von einem Mann der Regierungspartei AKP geleitet wird, will Ude zu entkrampfen helfen. Er habe Kilic klargemacht, dass man in einer Stadt über Parteigrenzen hinweg auf verschiedenen politischen Ebenen zusammenarbeiten müsse. Auch bei Themen wie Denkmalschutz, Altbausanierung und einer sozial gerechten Bodennutzung will Ude seine Münchner Erfahrungen einbringen und Ratschläge geben. "Hier wird ja ein irrsinniges Baurecht geschaffen", sagt er über die boomende Stadt am Bosporus.

Ein reines Ehrenamt

Seine Beratertätigkeit hat Ude akribisch vorbereitet. Mehrere Tage ist er in Istanbul gewesen, hat sich den städtischen Mitarbeitern vorgestellt, in einem Fußballstadion gesprochen und beim Fastenbrechen in einer Moschee Essen ausgeteilt. Er sei überall "extrem freundlich" aufgenommen worden, berichtet er. Ein eigenes Büro hat Ude auch schon, im Kulturzentrum von Maltepe, mit Blick aufs Meer. Und er wird dem Stadtrat von Maltepe über seine Arbeit direkt berichten dürfen. Wie viel von Udes Wortwitz wohl bei der Übersetzung verloren gehen wird? Und ob er wohl irgendwann "Liebe Malteperinnen und Malteper" sagen wird?

Auf eines legt Christian Ude ganz besonders viel Wert: Seine neue Tätigkeit sei ein reines Ehrenamt, es gebe noch nicht einmal eine Aufwandsentschädigung. Er bekomme lediglich seine Spesen ersetzt und auch diese Kosten würden nicht pauschal entgolten, sondern "spitz abgerechnet", wie das im Fachjargon heißt. Das bedeutet: Ude muss seine Belege einreichen. "Ich möchte nicht in den Geruch der Gazprom-Berater geraten", sagt Ude, ohne Ex-Kanzler Gerhard Schröder beim Namen zu nennen.

Zeitlich limitiert ist Udes neue Aufgabe nicht, sie sei aber sicherlich auf "einige Jahre" angelegt, sagt er. "Eine Messegesellschaft schafft man nicht in ein paar Monaten." So lange es sinnvoll sei, werde er in Maltepe mithelfen. Pro Quartal will er dafür einige Tage in Istanbul verbringen, in seinem Büro mit Meerblick. "Ich finde es spannend", sagt Münchens jüngster Alt-OB über seinen neuen Lebensabschnitt.

© SZ vom 02.07.2014/wolf

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