Band der Woche Heruin

"Vermillion" und "Pathways" haben fusioniert

Von Marietta Jestl

Metal wirkt auf den ersten Blick wie eine schwer nachvollziehbare Nische. Dass das Genre jedoch sehr vielfältig ist, wird oft vergessen. Auch, wie gut es in Kombination mit anderen Einflüssen funktioniert. So verhalf um die Jahrtausendwende die Strömung des Nu-Metal, mitbegründet durch Korn oder Limp Bizkit, Bands wie Linkin Park oder Slipknot zu weltweiter Aufmerksamkeit. Obwohl deren Wurzeln eindeutig im Metal lagen, stehen etwa bei Korn neben verqueren Songstrukturen besonders die groovigen Rhythmen im Vordergrund, während Limp Bizkit und Linkin Park rhythmusorientiert spezielle Einflüsse aus Hip-Hop und Rap ergänzten. Eine deutliche Distanzierung vom eher pathetischen Stil des klassischen Metal. Und wie derzeit alle Phänomene der Neunzigerjahre, erlangen auch im Metal die entsprechenden Strömungen gerade ein Revival. Besonders im Metalcore greifen immer mehr junge Bands zurück auf Stilmittel des Nu-Metal.

So auch Heruin aus München. Mit Sänger Darius Asgarian und Schlagzeuger Aaron Dylan Rusch ist Heruin eine Fusion der ehemaligen Bands Vermillion und Pathways. Seit Anfang 2019 sind Ignaz Engelmann und Jonas Herr Teil der Besetzung und werden am geplanten Album beteiligt sein. Die EP "Addict" von 2018 stammt aber noch aus Aarons Feder und wurde von ihm und Darius selbständig aufgenommen. Und in jedem der Songs ist ein ausgetüfteltes, genreübergreifendes Songwriting zu erkennen. Core-typische Riffs, übersetzt in schwere, groovige Rhythmen, neben Melodien, die sich durch die Dissonanz chromatischer oder übergroßer Akkordsprünge auszeichnen - deutlich in den Songs "Issue" und "Gore". Dazwischen sphärisch anmutende Übergänge, die stark an Bands wie Korn erinnern. Die knarrenden siebensaitigen Gitarren sind tiefer gestimmt denn je, Soli finden sich so gut wie keine, was charakteristisch für den rhythmusorientierten Nu-Metal ist. Darius' kraftvolle Stimme hält die Songs jedoch im typischen Metalcore-Stil, mit der Energie und den explosiven Momenten früher Songs von Emil Bulls oder aktuellen Bands wie Wage War.

"Junge Bands müssen immer eine neue Lücke finden", sagt Darius. "Dafür restaurieren wir quasi alte Songs. Der klassische Metalcore ist dabei ein guter Kleber." Und Aaron fügt hinzu: "Ich schreibe gerne etwas, was keiner erwartet. "In klassische Kadenzen Töne einbauen, die rausfallen, zum Beispiel." Auch was die Lyrics angeht, wollen Heruin wieder mehr provozieren, was wohl schon im Wortspiel des Namens steckt, also die Kombination aus Heroin und to ruin: ruinieren. "Es ist im Metal ziemlich gängig geworden, auf Weltverbesserer zu machen", sagt Darius. "Alle sind vegan und straight-edge, kein Sex, Drugs and Rock 'n' Roll- Image mehr. Wir sagen nicht, dass wir diese Themen unwichtig finden, aber man kann die Sache eben auch von der dreckigen Seite betrachten."

Heruin

Stil: Nu-Metal, Metalcore

Besetzung: Darius Asgarian (Vocals), Aaron Dylan Rusch (Schlagzeug), Ignaz Engelmann (Gitarre), Jonas Herr (Bass)

Aus: München

Seit: 2018

Internet: www.facebook.com/heruinofficialcom

Auch dies war für die Nu-Metal-Strömung bezeichnend: die persönliche und teils provokante Thematisierung von für Jugendliche greifbaren, emotionalen Themen wie Ausgrenzung oder psychischen Problemen. Slipknots "People=Shit"-Attitüde bot Identifikationspotenzial. Aber die Beschäftigung mit diesen Dingen ist ja bei Jugendlichen nicht verschwunden. Darius sieht hier eine potenzielle Lücke. "Mit emotionalen Themen hat Emo-Rap und Trap gerade riesigen Erfolg", sagt er. "Rein von der Einstellung her sind die Leute also offen für Metal-typische Themen. Wenn wir das schaffen zu verbinden, dann haben wir vielleicht das neue Ding." Derartige Ideen möchten Heruin auf ihrem geplanten Album umsetzen. Mit durch repetitive Passagen an Emo-Rap angelehnten Texten oder in den Metal übersetzten Trap-Beats, will Darius versuchen, Leute aus jungen Zielgruppen wieder aufmerksam auf Nu-Metal machen. Was spannend ist, denn aktuell bewegen sich auf dieser Linie im Metal tatsächlich wenige Bands. Am ehesten auffällig ist hier die Band Attila: aneckend und experimentierfreudig, aber vielleicht gerade deshalb erfolgreich.