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Ausstellung:Wer bin ich, wer darf ich sein?

Die Schwabinger Galerie Størpunkt zeigt in der Schau "Facets of Queer" den Kampf und das Spiel mit Geschlechtsidentitäten

Dies ist eine Reise, und alles was ich tun kann, ist diese Reise mit Neugierde anzugehen und zu sehen, wohin sie mich führt." Als wir ihre Botschaft im Ausstellungskatalog lesen, hat uns Max, die einmal Hannah hieß, längst in ihren Bann gezogen. Beinahe die gesamte Galerie "Størpunkt" mussten wir durchqueren, um Max zu begegnen. Man könnte auf den Gedanken kommen, die beiden Kuratoren Stephan Stumpf und Yeliz Kaiser hätten mit diesem Porträt einen würdigen Schlussakkord setzen wollen für ihre ohnehin starke Ausstellung "Facets of Queer". Und das wohl nicht nur, weil das Ölgemälde das teuerste ist in der Schau. Aleah Chapin hat es gemalt, eine US-Künstlerin, die mit ihren superfotorealistischen Frauen-Akten Aufsehen erregt hat. Chapin zeigt sie als Individuen mit Speckfalten, Hängebrüsten, Narbenhaut, prallen Schwangerschaftbäuchen. Oft sind es Verwandte oder eben Freundinnen wie Max, der Transgender-Mensch. Nackt, die Hände vor der Brust verschränkt, lässt sie/er/es die Betrachter nicht aus den Augen. Es ist ein freier, stolzer Blick. Max hat sich auf den Weg gemacht zu sich selbst - als Mann. Im Dezember, so erfahren wir, werden die Brüste abgenommen.

"Queer", was soll das heißen? "Seltsam, komisch" übersetzt das Englisch-Lexikon. "In der Geschlechtsidentität von einer gesellschaftlich verbreiteten heterosexuellen Norm abweichend", heißt es im Duden, der den Begriff erst 2017 in den deutschen Wortschatz aufgenommen hat. Idee der Ausstellung sei es, sagt Yeliz Kaiser, sich dem Wort über den Weg der Kunst zu nähern, in all seinen semantischen Umdeutungen und Aneignungen. Vom groben Schimpfwort im 19. Jahrhundert für das vermeintlich Abnorme jenseits der gängigen Zwei-Geschlechter-Ordnung bis zum Buchstabenkürzelwurm "LGBTIQ", in dem es an letzter Stelle sitzt (Lesbian Gay Bisexual Trans Intersex Queer). Im Rücken für die Schau, vor allem finanziell, hatten die "Størpunkt"-Kuratoren Glamazon, das zum Riesen Amazon gehört, und Arcus, hinter dem die Anwaltssozietät Clifford Chance LLP steht. Diversity-Netzwerke also, mit denen diese Weltkonzerne in die LGBTIQ-Community hineinstrahlen wollen.

"Before the Spell"von Seungyea Park.

(Foto: Seungyea Park)

Unter enormem Zeitdruck - in nur sechs Wochen - haben Stumpf und Kaiser 15 sehr unterschiedliche künstlerische Facetten des Queer-Phänomens in die Schwabinger Kellergalerie geholt, in der allenfalls tief nachts noch die Geister der berüchtigten Teng-Stuben spucken, Münchens erstem Nachtlokal, das dort einst zuhause war. Und dessen Gäste über die einzige zensorische Auflage von Glamazon/Arcus - keine nackten Penisse! - wahrscheinlich herzhaft gelacht hätten. Størpunkt umgeht diese Vorgabe geschickt: Explizitere, sehr intime Darstellungen, etwa vom israelischen Fotografen Benyamin Reich, sind in der "Wunderkammer", einer Art Separee, zu sehen, die offiziell nicht Teil der Schau ist.

Was man offiziell zu sehen bekommt, ist großartig genug, und in der Hängung extrem ästhetisch, vor allem im zentralen Galerieraum. Von der südkoreanischen Künstlerin Seungyea Park gibt es dort drei Selbstporträts, feine Zeichenarbeiten, verstörend groteske Bilder, die sie selbst "Monster" nennt und die ihre innere Zerrissenheit als Lesbe in einer homophoben Gesellschaft darstellen. Hybride Mischwesen zwischen Tier und Mensch, die aus dem Labor eines Alchemisten stammen könnten, zeigt die Sizilianerin Valentina Murabito. Geisterhaft kommt das einem vor, als hätte sie die Angerufenen spiritistischer Sitzungen - husch! - mit der Kamera eingefangen. Dabei entstehen ihre analogen Bilder über Monate in einem extrem aufwendigen Verfahren, das an die Pioniere der Fotografie wie Eadweard Muybridge erinnert. Ins 19. Jahrhundert begibt sich auch der Fotograf Ervil Jovkovic, der dem Phänomen der Bartdame nachgeht, die in Kuriositäten-Kabinetten und auf Jahrmärkten ausgestellt wurde, pathologisiert und mythologisiert gleichermaßen.

Aleah Chapin, Max, 2018, oil on linen, 36 x 48 inches

Das Ölporträt "Max" der amerikanischen Künstlerin Aleah Chapin.

(Foto: Aleah Chapin/oh)

Zwitterwesen, uneindeutig in ihrer Geschlechtlichkeit, faszinieren auch Alessandro Bostelmann, dem - im Selbstporträt - ein bärtiger Hermaphrodit die Brust gibt. Überhaupt ist es den Kuratoren anzurechnen, dass sie mit Bostelmann, Cigdem Aky oder etwa der beeindruckenden Janina Roider auch junge Münchner Künstler und Künstlerinnen zeigen, die diese Schau mit ihren "Facets of Queer" ungemein bereichern.

"Facets of Queer", bis 15. Dezember, Størpunkt - Galerie für zeitgenössische Kunst, Tengstraße 32 a, Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag von 15 bis 19 Uhr.

© SZ vom 24.11.2018

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