Augmented Reality Die Realität ist eine Suchmaschine

Science oder Fiction? Per Smartphone lassen sich Dinge in der Welt sehen, die niemand sonst sieht: Monster, aber auch Informationen über den nächsten Biergarten. Steht ''Augmented Reality'' vor dem Durchbruch?

Von Elisabeth Schmidt

Die Innenstadt von München an einem Donnerstagnachmittag, das Pflaster auf dem Marienplatz ist glühend heiß. Ein schattiger Biergarten müsste her, kein Problem. Denn die ganze Welt ist inzwischen eine Suchmaschine. Man hält das Smartphone in alle Himmelsrichtungen, filmt die Gebäude auf dem Marienplatz und der Kaufingerstraße - und sucht so die Umgebung nach einem Biergarten ab. Auf dem Display erscheinen nicht nur die Häuserfassaden, sondern es ploppen plötzlich kleine Bierkrüge und Kurzbeschreibungen auf, je nachdem in welche Richtung man die Kamera hält: Hofbräuhaus Biergarten - 400 Meter, Augustiner Keller - 1,9 Kilometer.

Ich sehe was, was du nicht siehst: Über die Smartphone-Kamera sieht man nicht nur die Häuserfassaden, sondern erhält dazu auch Informationen aus dem Internet.

(Foto: Screenshot junaio.com)

Ein Antippen auf dem Touchscreen des Handys verrät, dass der Augustiner Keller ein "traditioneller Biergarten in der Nähe des Hauptbahnhofs" mit "einmaliger Stimmung" ist. Ein weiteres Antippen und die Website des Augustiner Kellers öffnet sich, die Speise- und Getränkekarte sowie Fotos von dem Biergarten erscheinen.

Das ist keine Zukunftsvision, sondern bereits Realität. "Augmented Reality" (AR), erweiterte Wirklichkeit, heißt das Verfahren, in dem die natürliche Welt quasi in Echtzeit mit Informationen aus dem Internet überlagert wird. Alles was dazu nötig ist, ist eine Kamera, ein GPS-fähiges Gerät und ein Rechner mit Display - Eigenschaften, die praktisch jedes Smartphone heute besitzt. Im iTunes-Store oder Android-Market gibt es die passende Software - die AR-Browser Layar, Wikitude oder Junaio des Münchner AR-Spezialisten Metaio.

In der Kaufingerstraße erfährt man nicht nur etwas über Biergärten, sondern auch dass in der nahen Fürstenfelder Straße eine Drei-Zimmer-Wohnung frei ist. Zweimal antippen, der Mietpreis ploppt auf und man kann sich die Wohnung von innen ansehen, die Telefonnummer des Maklers erscheint. Ein weiterer Handyschwenk: Ein Plakat für einen Kinofilm wird gefilmt. Infos über die Darsteller tauchen auf, das nächste Kino wird angezeigt, in dem der Film läuft. Ein Finger auf den Button und der Trailer kann abgespielt und Kinokarten vorbestellt werden.

Bislang muss man in den Browsern noch Kanäle für die verschiedenen Anwendungen auswählen. Bei Junaio, der Browser von Metaio, etwa den Biergärten München Kanal, Mietwohnungen-, Kino.de-, Wikipedia- oder Supermärkte-Kanal. Die Anbieter der Kanäle können digitale Botschaften an Orte binden und sie dort als sogenannte "Air Tags" für die Nutzer hinterlegen. Die Orte verfügen über eine Geoposition und sind über Kompass oder GPS vom Handy ortbar. Über Bilderkennung landen die Informationen auf dem Display des Handys - Navigationspfeile, Gebäudebeschreibungen, das Kinoprogramm oder Bedienungsanleitungen blinken auf.

Die vorhandenen Air Tags sind heute allerdings nach wie vor überschaubar. Noch arbeiten zu viele Hersteller an zu vielen unterschiedlichen Anwendungen. Eines der deutschen Augmented-Reality-Zentren ist München. Die Abteilung für "Virtuelle und Erweiterte Realität" des Fraunhofer-Instituts feilt seit mehr als 15 Jahren an AR-Anwendungen, hauptsächlich für Industrie und Wissenschaft. An der Technischen Universität München entwickeln Informatiker mit Chirurgen der Uni-Klinik ein AR-basiertes Navigationssystem, das Chirurgen beispielsweise einen zu entfernenden Tumor anzeigt.

Augmented-Reality-Anwendungen für den "Hausgebrauch" gibt es mittlerweile in vielfältiger Weise - meistens sind sie in Applikationen (Apps) eingelagert. Der Münchner Verkehrsverbund bietet etwa eine App an, in der man per AR die nächste Haltestelle finden kann. Auch die Stadt München arbeitet an einer AR-App. Der Trend scheint dahin zu gehen, dass immer mehr Anbieter Augmented Reality in ihre Applikationen integrieren. Jan Schlink vom Münchner AR-Entwickler Metaio hält dagegen: "Immer mehr Apps herauszubringen ist langfristig gesehen wenig sinnvoll. Wir wollen den Content, der überlagert wird, in einem Browser bündeln." Bis der Nutzer nur noch seine Handykamera zücken und auf die Wirklichkeit richten muss, um alle relevanten Informationen angezeigt zu bekommen, wird es allerdings noch dauern.

Das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang heißt "Objektüberlagerung". Genau genommen sind eingeblendete Wikipedia-Informationen nur die Vorstufe dazu, was Augmented Reality einmal leisten soll.

Das Süddeutsche Zeitung Magazin nutzte im August 2010 als erstes Magazin weltweit Augmented Reality, um das Heft zu "beleben". Mit gezücktem Smartphone bewegte sich Sandra Maischberger plötzlich auf der Titelseite. Beim "Sagen Sie jetzt nichts" konnte man erfahren, was Lena Meyer-Landrut beim Fotoshooting gedacht hat, oder welche Zukunftsängste Garmischer Bauern beim Blick auf ihre Weide hatten.

Ähnliche Anwendungen sind auch die digitalen Boxen von Lego: Spielzeugverpackungen werden vor eine Webcam gehalten; auf dem Bildschirm im Lego-Store sieht der Kunde dann ein animiertes 3D-Modell dessen, was die Verpackung beinhaltet. Spielereien, könnte man sagen. Die Branche sieht darin jedoch Prototypen der Augmented-Reality-Forschung.