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Aubing:Fahrplan in die Zukunft

Wenn sich nichts ändert, wird Prognosen zufolge der Verkehr im Stadtbezirk in 15 Jahren um die Hälfte zunehmen. Doch es gibt jetzt ein Konzept, wonach sich ziemlich viel ändern soll auf Straßen und Schienen

Von Ellen Draxel, Aubing

Knapp 330 000 Fahrkilometer werden heute im Schnitt täglich auf den Strecken des Stadtbezirks Aubing-Lochhausen-Langwied zurückgelegt. In 15 Jahren, wenn in Freiham voraussichtlich etwa 30 000 Menschen leben und mehr als 7500 arbeiten werden, soll der Verkehr noch einmal um 50 Prozent zunehmen - vorausgesetzt, am Verkehrsnetz ändert sich bis dahin nichts. Eine Beibehaltung des Status quo aber ist nicht das Ziel der Stadt. Die Kommune will die verkehrliche Zukunft beeinflussen, will gegensteuern - im Schulterschluss mit Aubings Bürgern und Lokalpolitikern, die seit Jahren vor einem drohenden Verkehrskollaps warnen.

Vor wenigen Tagen hat das Planungsreferat deshalb dem Bezirksausschuss den ersten Entwurf eines Verkehrskonzepts für den 22. Stadtbezirk vorgestellt. Das Ziel ist es, die Wege, die derzeit noch großteils mit dem Auto zurückgelegt werden, zu reduzieren und stattdessen öffentliche Verkehrsmittel und den Radverkehr stärker in den Fokus zu nehmen. Würde der Großteil der Vorschläge, die in dem Konzept skizziert werden, umgesetzt, könnte die Verkehrszunahme bis 2035 um bis zu zehn Prozent geringer ausfallen. Was den Stadtteilvertretern marginal vorkommen mag, nennt Robert Adam vom Planungsreferat "sensationell". Der Wunsch, den gesamten Verkehrszuwachs komplett auf den Fahrradverkehr und den Umweltverbund zu verlegen, sei zwar nachvollziehbar, so der Verkehrsplaner. In der Praxis sei das aber nicht realisierbar. Denn ein "großer Prozentsatz der Menschen bleibt auf das Auto angewiesen, weil gewisse Ziele sonst nicht zu erreichen sind".

S-Bahnhof Aubing in München, 2012

Auch Verbesserungen im öffentlichen Schienennetz, wie am Aubinger Bahnhof werden vorgeschlagen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wie aber soll das Verkehrsnetz künftig leistungsfähig genug gestaltet werden, dazu noch umweltfreundlicher als bisher? Das Planungsbüro Inovaplan, von der Stadt mit der Erstellung des Konzepts beauftragt, hat dazu ein ganzes Bündel an Maßnahmen erarbeitet. Der erste Bereich umfasst den Straßenverkehr. Untersucht hat Inovaplan fünf Lösungsansätze: die komplette Sperrung der Eichenauer Straße für den Autoverkehr, die Realisierung einer Unterführung zwischen der Alto- und der Lochhausener Straße, eine direkte Anbindung Puchheims an die Lochhausener Straße und, in der Verlängerung, die Anbindung der Lochhausener Straße an die Autobahn A 8 mittels neu zu schaffender Routen sowie eine flächendeckende Einführung von Tempo 30 in der Limes-, Alto- und Aubinger Straße.

Für jeden einzelnen dieser Punkte gibt es konkrete Fahrtenberechnungen, in welchen Straßen die Belastung zu- oder abnimmt und um wie viel. Vor allem ein Anschluss der Lochhausener Straße an die A 8 kurz hinter Gröbenzell brächte eine 40-prozentige Verkehrsentlastung in Lochhausen. Setzt man aber alle Vorschläge in Summe um - mit Ausnahme der Anbindung Puchheims an die Lochhausener Straße, da diese Strecke durch das geschützte Gebiet der Böhmerweiher führen würde -, ergäbe sich eine deutliche Verbesserung im gesamten Stadtbezirk. "Aubing und auch Lochhausen könnten durch die Sperrung der Eichenauer Straße und die gleichzeitige Einführung von Tempo-30-Limits in den Hauptstraßen stark entlastet werden", erläuterte Projektleiter Sascha Klein bei der Präsentation des Konzepts. Insbesondere die Aubinger Straße würde stark profitieren. Der einzige Streckenabschnitt, auf den sich diese Planung "etwas negativ" auswirken würde, wie es hieß, wäre die Altostraße vor der angedachten Unterführung.

Beim zweiten untersuchten Bereich, dem öffentlichen Nahverkehr, hat sich das Planungsbüro neben einer Verlängerung der U 5 nach Germering auch eine eventuelle Taktverdichtung auf den S-Bahn-Linien angeschaut. Ein Zehn-Minuten-Takt könnte laut Klein bei der S 3 pro Tag 2800 Personen zusätzlich in den öffentlichen Verkehr bringen und von anderen Verkehrsmitteln abziehen, bei der S 4 3800 und bei der S 8 sogar 3900. Optimiert werden sollten aus seiner Sicht außerdem die tangentialen Achsen, denn bislang, betont er, sei das Angebot in Richtung Nord und Süd "nicht wirklich attraktiv". Oft brauche man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln doppelt so lange wie mit dem Auto, um von A nach B zu gelangen.

Berechnet hat Klein daher eine Verlängerung der Trambahnlinie 17 von der Amalienburgstraße bis zum Bahnhof Lochham oder alternativ bis nach Freiham. In beiden Fällen würden mindestens 2300 zusätzliche Personen auf den Nahverkehr umgelenkt. Alle ÖPNV-Maßnahmen addiert, ermöglichten es laut dem Projektleiter, "zusätzlich 12 600 Fahrten im 22. Stadtbezirk auf den öffentlichen Nahverkehr zu verlagern". Statt der Straßenbahnen könnten aber auch Expressbusse eingesetzt werden, sagt Robert Adam vom Planungsreferat. Kombiniert mit den Maßnahmen beim Autoverkehr würden diese Vorschläge die Entlastung auf den Straßen zusätzlich verstärken, besonders in Neuaubing.

Die Vorschläge der Verkehrsplaner betreffen den Autoverkehr ebenso wie Verbesserungen für Radverbindungen, etwa nach Germering (hier im Bild).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wichtig aus verkehrsplanerischer Sicht ist noch ein dritter Aspekt: die Umgestaltung des Straßenraums, um die Nahmobilität zu fördern. Für Klein kommt da "ein ganzes Maßnahmenbündel" in Betracht: der Ausbau des Radnetzes in Form von Radschnellverbindungen etwa; eine Machbarkeitsstudie einer solchen Verbindung von Pasing nach Fürstenfeldbruck soll noch dieses Jahr den Lokalpolitikern vorgestellt werden. Oder die Einführung von Einbahnstraßen, um mehr Platz für Gehwege zu bekommen und Schleichverkehr abzuschrecken. Auch einen Umbau der Wiesentfelser Straße oder der Altenburgstraße gilt es, zu diskutieren - inklusive eines möglichen Wegfalls von Parkplätzen.

Das Verkehrskonzept, das entgegen der bisherigen Annahme der Bürgervertreter davon ausgeht, dass die Hauptursache des Verkehrs "Quell- und Zielverkehr" sei, also von den Bewohnern am Ort selbst verursacht wird und nicht vom Durchgangsverkehr, müssen sich Aubings Lokalpolitiker nun erst noch einmal genauer anschauen. Haben sich Stadtteilvertreter und Verwaltung dann auf einen gangbaren Weg geeinigt, soll in einem nächsten Schritt die Öffentlichkeit in den Planungsprozess eingebunden werden. Frühestens im Frühjahr.

© SZ vom 05.12.2020
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