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Arbeitsmarkt:"Der Schock hallt noch nach"

Zwei Münchnerinnen schildern, wie die Corona-Krise sie von einem Tag auf den anderen zwang, sich nach neuen Berufen umzusehen. Unterstützt wurden beide dabei von der Arbeitsagentur

Von Sven Loerzer

Urlaub in der Adventszeit? Nein, sagt Doris Grüninger, geht nicht, Urlaubssperre. "Dezember und Januar sind die Hauptbuchungsmonate für Reisen", erklärt die 56-Jährige und fügt nach einer Pause hinzu: "gewesen".

Als Reiseverkehrskauffrau arbeitete sie vor einem Jahr noch bei einem Reisebüro am Münchner Flughafen. "Kurz vor Weihnachten hatten wir viele Kurzfristbuchungen, das Silvester- und Weihnachtsgeschäft lief gut", erinnert sich Doris Grüninger an die Zeit vor Corona. Manche Kunden standen gleich mit gepackten Koffern vor ihr am Schalter, fragten: "Was geht heute noch?" Aber auch Fernreisen für das neue Jahr liefen gut. Und nach Weihnachten kamen dann die Kunden, die an den Feiertagen die neuen Kataloge durchgeblättert hatten und gleich ihren Sommerurlaub buchen wollten. "Es ging eigentlich hervorragend."

So gut, dass Doris Grüninger Anfang März dieses Jahres sogar noch Angebote von Konkurrenz-Unternehmen erhielt, die dringend erfahrene Mitarbeiterinnen suchten. Doch Corona änderte alles, was gerade noch als "sicherer Arbeitsplatz" galt, war "von heute auf morgen weg", wie Doris Grüninger selbst erfuhr: Zum 1. Mai musste sie sich arbeitslos melden, "zum ersten Mal im ganzen Leben", nach 40 Jahren Berufstätigkeit. Ein Schock, auch wenn sie Verständnis für ihren letzten Arbeitgeber hat, "ich war ja erst eineinhalb Jahre dort". Sie war dorthin 2018, gerade noch rechtzeitig vor der Insolvenz von Thomas Cook, gewechselt, als das Unternehmen Stellen abbaute.

Marion Beckhäuser

Als freie Fotografin hat Marion Beckhäuser bisher gearbeitet und war in der ganzen Welt unterwegs, nun muss sie sich neu orientieren.

(Foto: privat)

Damals war sie überzeugt, "das Richtige getan zu haben". Aber Corona hat die Tourismusbranche mit aller Härte getroffen, "es wird nicht wieder so, wie es einmal war". Statt abzuwarten, hat sie sich bei der Arbeitsagentur über die Möglichkeit zur Weiterbildung beraten lassen, ein Weg, zu dem der Chef der Arbeitsagentur, Wilfried Hüntelmann, allen Menschen rät, die derzeit arbeitslos werden oder in Kurzarbeit sind. Die Chance, sich mit Hilfe der Arbeitsagentur beruflich anders zu orientieren, hat Doris Grüninger ergriffen, da sie keine Zukunft mehr für sich in der Reisebranche gesehen hat. Denn auch ihre erste Ausbildung zur Hotelfachfrau bietet in Zeiten des Lockdowns keine Perspektive. "Ich habe nicht die Zeit, abzuwarten und das auszusitzen." Deshalb hat sie eine von der Arbeitsagentur geförderte Weiterbildung zur Fachkraft für Verwaltung, Büro und Vertrieb ausgewählt. Im Juli konnte sie bei einem Bildungsträger im Präsenzunterricht damit starten, inzwischen ist auch dort auf Fernunterricht umgestellt. "Ich wollte nicht untätig herumsitzen, sondern mich auf den laufenden Stand bringen."

Freilich, "der Schock hallt noch nach", denn die Reisebranche hat sie geliebt, "ich bin sehr, sehr traurig, meinen Beruf wechseln zu müssen". Dass es ein mutiger Schritt sei, will sie nicht gelten lassen, "mit Mut hat das weniger zu tun". Es sei ein Wunsch und ein Muss zugleich. "Ich möchte meinen Lebensstandard halten, dazu muss ich noch zehn Jahre weiterarbeiten."

17 Bewerbungen hat Doris Grüninger schon geschrieben, zum Beispiel als Büroassistentin, vier Antworten und zwei Vorstellungsgespräche kamen dabei raus. Und das ungute Gefühl, dass Ablehnungen von dem Vorurteil geprägt sind, ältere Arbeitnehmer könnten zu oft krank und zu teuer sein. Andererseits hat sie auch Verständnis dafür, dass Firmen mit Einstellungen zögern: "In dem Moment, wo man Hoffnung schöpft, kommt der nächste Lockdown." Anfangen könnte sie sofort, auch wenn die Weiterbildung noch bis Mai läuft.

Marion Beckhäuser

Marion Beckhäuser nutzt ihr künstlerisches Talent nun für das Entwerfen von Ledermode und für Comiczeichnungen.

(Foto: privat)

Dass ihr Herz noch immer für die Branche schlägt, die so lange Zeit als Jobmotor galt, wird deutlich, wenn sie vom Flughafen spricht, "der war mal ein Arbeitsplatzgarant". Dort, wo sie fast 25 Jahre lang gearbeitet hat, sei die Depression ganz stark zu spüren, ein Terminal geschlossen. "Ich denke, dass sich der Tourismus allgemein verändern wird." Am meisten fehle die Freiheit, spontanes Reisen sei nicht mehr möglich. "Ohne gültigen Corona-Test geht nichts", sagt Doris Grüninger, die in früheren Jahren als Reiseleiterin gearbeitet hat. "Reisen war mein großes Steckenpferd, mir fehlt nicht mehr viel auf der Weltkarte." Sollte es wieder möglich sein, werde sie es gemütlich angehen, Griechenland vielleicht, Apulien, Kalabrien, "mit dem Auto, nicht mehr fliegen". Aber jetzt geht es erst einmal darum, wieder Arbeit zu finden.

Als freie Fotografin kam auch Marion Beckhäuser, 54, die Grafik und Mediendesign studiert hat, um die ganze Welt. Sie hat viel für renommierte Magazine fotografiert, Landschaften, Menschen, Architektur. Zur Fotografie sei sie über die Malerei gekommen, verdiente damit Geld, "wo andere einen Haufen bezahlen", etwa, als sie ein Jahr auf einem Schiff gearbeitet hat. Allein in Algerien war sie 18 Mal in fünf Jahren und brachte eine Vielzahl von Bildern mit, die auch in Ausstellungen zu sehen waren. Doch zuletzt sei die Auftragslage ohnehin nicht mehr so rosig gewesen. Eigentlich hatte sie noch mit einem Auftrag für einen Katalog mit Architekturfotografien gerechnet, doch Corona hatte zur Folge, dass es nicht mehr dazu kam.

40 Jahre hat Doris Grüninger in der Tourismusbranche gearbeitet, nun wechselt sie den Beruf.

(Foto: privat)

Marion Beckhäuser ging deshalb im Mai zum Jobcenter, ihr half, wie vielen anderen Soloselbstständigen im Bereich Kunst, Kultur und Events, der wegen der Corona-Folgen erleichterte Zugang zur Grundsicherung. Gerade den Soloselbstständigen will das Jobcenter in der Krise Orientierung bieten, wie Geschäftsführerin Anette Farrenkopf erklärt. Beratung, wie sich etwa die Digitalisierung, aber auch wie sich vorhandene Talente sonst noch nutzen lassen, um damit Geld zu verdienen, gehört dazu. "Da war ich schwerst begeistert, ich habe noch nie erlebt, dass sich Leute so für einen einsetzen", erzählt Marion Beckhäuser. Das Jobcenter habe ihr ein Coaching vermittelt.

Ihr Handwerk beherrscht die Fotografin. Unter der Adresse mamariorazza.com bietet sie auch Ihre Dienste als Baby- oder Hochzeitsfotografin an. "Ideen habe ich zentnerweise", sagt sie. Als Elbkönig präsentiert sie auf Instagram Comicfiguren und bietet an, für Events, Geburtstag oder andere Anlässe zu zeichnen. "Beruflich habe ich nie Sicherheit gehabt", sagt sie, "jetzt gucke ich, was noch alles geht". Sie hat einen Förderungsantrag für ein Buchprojekt gestellt und ein Stipendium für ein Fotoprojekt über Brauchtum beantragt. Und sie träumt davon, etwas mit Musik und Schauspiel zu machen. Sie ist überzeugt: "Der Sprung ins kalte Wasser wird belohnt. Man muss sich trauen und was machen."

Das Coaching betrachtet sie als Sprungbrett zu neuen Möglichkeiten und versucht so, für sich selbst, Corona wenigstens einen positiven Aspekt abzugewinnen. Aber sie will dabei nicht falsch verstanden werden: "Ich habe höchste Achtung und Mitleid gegenüber den vielen Menschen, die gequält sind von Corona."

© SZ vom 17.12.2020
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