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Anne-Frank-Realschule in München:Was Deutschlands beste Schule ausmacht

Alle Schülerinnen schaffen den Abschluss, die Mädchen helfen sich in Lernbüros, die Lehrer bieten individuelles Coaching an: Nun ist die Anne-Frank-Realschule in Pasing mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden. Die 100.000 Euro Preisgeld sind schon verplant.

Es sind solche Sätze der Schülerinnen, die aufhorchen lassen. Etwa über den Mädchen-Technik-Tag, an dem sie in der Uni mit Linsen, Lötkolben oder Chemikalien experimentieren. "Wir waren beide in Physik und fanden's schön", sagen Vanessa und Lisa aus der 6. Klasse. Die Worte "Physik" und "schön" - das hört man nicht oft zusammen, vor allem nicht bei Mädchen. An der Anne-Frank-Realschule ist das anders. Oder die Zehntklässlerinnen Laura und Eva, die die Frage "Vertraut ihr eurer Lehrerin?" ohne Zögern beantworten. "Ja - man kann immer jemanden fragen, wenn da Probleme sind." Vielleicht erklären diese Sätze mehr als Zahlen, warum die städtische Mädchen-Realschule in Pasing am Freitag den Deutschen Schulpreis erhalten hat, die angesehenste Auszeichnung, die eine Schule gewinnen kann.

Die Schule wurde von einer internationalen Expertengruppe ausgesucht, den Preis vergeben die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof Stiftung. Die Schulleiterin Eva-Maria Espermüller-Jug und ihre Kollegen dürfen sich über 100 000 Euro Preisgeld freuen - und über die Anerkennung für jahrelange Arbeit. Die lässt sich natürlich auch in Zahlen fassen: Keine der etwa 640 Schülerinnen ist vergangenes Schuljahr sitzen geblieben. Und seit Jahren schaffen alle Zehntklässlerinnen den Realschulabschluss, die meisten davon mit einem Notenschnitt, der ihnen danach das Abitur ermöglicht. "Diese Schule verliert niemanden", schreibt die Preis-Jury. Und sie ermutigt die Mädchen, sich auf Naturwissenschaften einzulassen, dass "Technik durchaus Frauensache ist", wie es Espermüller-Jug ausdrückt, die selbst Mathematik unterrichtet. Jede dritte Absolventin strebt einen technischen oder mathematischen Beruf an.

Deutscher Schulpreis 2014

Die Schülerin Lisa-Marie (M) freut sich bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises mit ihren Mitschülerinnen.

(Foto: dpa)

Die Jury beeindruckte vor allem das Erfolgsrezept der Schule. Etwa die "Lernbüros", in denen ältere und jüngere, bessere und schlechtere Schülerinnen sich gegenseitig helfen. Beispiel Mathematik: An diesem Vormittag büffeln Mädchen aus den Klassen fünf bis zehn gemeinsam in einem Raum, auf den Tischen stehen Kisten voller Aufgabenhefte. Die Schülerinnen sollen mit Hilfe von Lernanleitungen den Stoff selbst vertiefen oder sich erarbeiten, noch bevor er im Unterricht dran ist. Wer nicht weiterkommt, schreibt sein Problem an die Tafel. Wer helfen will, trägt sich daneben ein. Wenn sich ein solches Lern-Paar gefunden hat, gehen die beiden hinaus auf den Flur und versuchen, die Aufgabe gemeinsam zu lösen. Dort sitzen etwa Lisa und Vanessa, die Mädchen aus der 6. Klasse. "Lisa macht schöne Beispiele, so dass ich's auch verstehe", sagt Vanessa.

Die Schule fördert solche Hilfsbereitschaft, jedes Mädchen hat ein sogenanntes Logbuch, eine Art persönliches Fortschritts-Heft, in dem Aufgaben, Ziele und Erfolge verzeichnet werden - und auch, wenn man einer Mitschülerin geholfen hat. Wer die Aufgabe selbst im Doppelpack nicht meistert, kann sich an den Lehrer wenden, der durch die Bänke schlendert. "Den brauchen wir aber nicht so oft", meint Lisa. Das Logbuch ist mehr als ein Erfolgsprotokoll. Was Lisa zeigt, ähnelt zum Teil einem Poesiealbum, mit Einträgen von Mitschülern und einer "Lobecke" pro Monat, damit stets auch was Positives da steht. Alle zwei Wochen setzen sich die Schülerinnen einzeln eine Viertelstunde mit ihrem Klassenlehrer zusammen und reden. Wo es hakt, was die Mädchen bewegt, womöglich auch in Familie oder Partnerschaft. "Man traut sich, mit den Lehrern zu sprechen", sagt Eva. Diese Gespräche öffneten gerade die unauffälligen Schülerinnen und zeigten, wo man sie fördern sollte, sagt Gabriele Halligan, die Deutsch und Englisch unterrichtet.

Die Schule bietet ein Einzelcoaching für jeden. Das kostet Zeit, viel Zeit. Der Unterricht beginnt um 7.55 Uhr und geht bis 16.05 Uhr, den ganzen Tag also. Unterrichtet wird nur in Doppelstunden, damit Zeit ist für eigenständiges Lernen. Normaler Unterricht wechselt mit den Lernbüros und Arbeit an Projekten, die später den Mitschülerinnen vorgestellt werden. Es gibt Kooperationen mit den Münchner Universitäten, mit BMW und dem Arbeitsamt.

Anne-Frank-Realschule

Hilfsbereitschaft? An der Anne-Frank-Schule nicht nur erwünscht sondern gefördert.

(Foto: dpa)

Bis das heutige Modell stand, war es ein langer Weg, sagt Espermüller-Jug. Es begann mit dem Angebot von Ganztagsunterricht, das sehr gefragt war. Doch das Problem war, den ganzen Tag auszufüllen. Man habe es mit Nachmittagsbetreuung versucht, mit offenen Ganztagsklassen - alles habe nicht richtig funktioniert, sagt sie. Die Schulleiterin fuhr mit Kollegen durch die Republik, sah sich erfolgreiche Schulen an, übernahm, was sinnvoll erschien. "Wir sind da nicht fertig, Schule ist ein Prozess." Der Erfolg hat seinen Preis, das räumt Espermüller-Jug ein. Sie brauche fast doppelt so viele Lehrer wie eine normale Realschule. Ohne zusätzliches Geld von der Stadt München wäre das nicht möglich. Hinzu kommt die Mehrarbeit für die Lehrer, vor allem, um Aufgaben für die Lernbüros zu erstellen. Und die Mädchen sitzen jeden Nachmittag außer Freitags bis 16.05 Uhr in der Schule. Doch die scheint es am wenigsten zu stören. Das sei schon in Ordnung, sagt Lisa. "Zuhause müssen wir dann wirklich nichts mehr machen, außer Vokabeln lernen."

Mit den 100 000 Euro Preisgeld könnte die Schule nun einen Pavillon im Garten bauen. Das wünschten sich zumindest sehnlichst die Schülervertreterinnen, sagte Espermüller-Jug der SZ nach der Preisverleihung. Damit sie endlich einen Raum nur für sich haben.

© SZ vom 07.06.2014/infu
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