Nachruf auf Anke Roeder:Mondäne Freidenkerin

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Nachruf auf Anke Roeder: Leidenschaftliche Anwältin des Theaters: Anke Roeder (1939-2022).

Leidenschaftliche Anwältin des Theaters: Anke Roeder (1939-2022).

(Foto: privat)

Die Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Anke Roeder ist gestorben. Sie forderte ihr Fach heraus.

Von Christine Dössel

Anke Roeder war im Münchner Theaterleben kaum zu übersehen. Selber nicht als Schauspielerin tätig, sondern als Theaterwissenschaftlerin, Dramaturgin und professionelle Zuschauerin, sah sie doch wie eine Diva aus. Pechschwarzes Haar, knallroter Lippenstift, immer besondere Klamotten und Klunker. Nicht modisch, sondern: mondän. Irgendwie Post-Jugendstil. Als sei sie einem Gustav-Klimt-Gemälde entstiegen. Nie hätte sie versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Roeder rauchte mit Eleganz und Inbrunst, und man konnte mit ihr bis in die Nacht trinken und diskutieren. Wobei sie, das war ein Tick von ihr, beim Sprechen kokett züngelte und ihre Haare gerne theatralisch wie einen Vorhang ins Gesicht fallen ließ - um dahinter von ihrer Meinung kein Jota abzurücken, intellektuell fordernd und unbestechlich, wie sie war.

Ob nach Kammerspiele-Premieren im Blauen Haus, im Resi oder beim Festival "Radikal jung" im Volkstheater - sich mit Anke Roeder in die Spezifika einer Inszenierung oder die Entwicklung des Theaters im Allgemeinen zu vertiefen, konnte intensiv werden, lange dauern und auch anstrengend sein. Aber immer war in diesen Stunden das Theater das Allerwichtigste und Roeder seine leidenschaftlichste Apologetin, sie brannte und sie lebte dafür. Leider zu einer Zeit, als sowohl die Lehrstühle als auch die Dramaturgien noch fest in Männerhand waren und eine flamboyante Exotin und Freidenkerin wie sie trotz aller Kenntnis und Belesenheit doch etwas schräg angesehen wurde.

Deutsche Dramaturginnen und Hochschulprofessorinnen hatten bis vor noch gar nicht so langer Zeit, wenn schon im Beruf, dann bitte mausgrau, angepasst und zurückgenommen zu sein. Anke Roeder aber, geboren am 26. Juli 1939 in Hamburg, war feminin, sinnlich und herausfordernd, auch ein bisschen chaotisch, sprach assoziativ drauflos und den Genüssen des Lebens zu - und schien überhaupt besser in die Pariser Salons der Zwanzigerjahre zu passen als ins Hinterzimmer eines deutschen Stadttheaters oder in ein Uni-Seminar, obwohl sie genau da hin und etwas bewirken wollte.

Sie hatte Literaturwissenschaft, Philosophie und Anglistik in München, Berlin und London studiert und an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) promoviert. Danach arbeitete sie als Dramaturgin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, an den Theatern Kiel und Dortmund und am Münchner Residenztheater; arbeitete in London und München auch bereits als Dozentin. Von 1995 bis 1999 hatte sie eine Professur für Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig und war im Anschluss bis 2003 Studiengangsleiterin für Dramaturgie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Eine Professur hat sie dort aber nicht bekommen, auch nicht an der LMU, wo sie ebenfalls Dozentin war.

Sie lehrte und förderte zeitgenössische Dramatik, vor allem die von Frauen

Roeder war eine profunde Kennerin (post)moderner Dramatik und aufgeschlossen für alles Neue. In den Seminaren, die sie gab, saß sie vorne auf dem Pult, rauchte, philosophierte, schweifte ab und regte an. Sie legte ihren Zuhörerinnen und Zuhörern den französischen Poststrukturalismus und die Postmoderne - ihr Steckenpferd - ans Herz und machte sie mit zeitgenössischer Dramatik vertraut, vor allem der von Frauen. Gerlind Reinshagen, Erika Junge, Elfriede Jelinek, Gisela von Wysocki, die junge Kerstin Specht - es war Anke Roeder, die diese Autorinnen vorstellte, sich für sie einsetzte und über sie schrieb. Die Theorie ging bei ihr stets mit der Praxis einher. Indem sie etwa 1996 im Marstall unter der Leitung von Elisabeth Schweeger das erste Münchner Jelinek-Projekt mit auf die Beine stellte (mit Hanna Schygulla als Darstellerin). Oder in den Anfängen von "Radikal jung" die eingeladenen Regisseure vorstellte (auch in Buchform). Und überhaupt: Indem sie ihre Studierenden immer ins Theater schleppte und in Diskurse zwang. Zu Roeders Publikationen gehört die gemeinsam mit Klaus Zehelein herausgegebene "Kunst der Dramaturgie" (2011). Das war sie: eine Künstlerin der Dramaturgie. Wie jetzt bekannt wurde, ist Anke Roeder am 8. September in München gestorben. Sie wurde 83 Jahre alt.

Kondolenz möglich unter www.sz-gedenken.de

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