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Alt-OB Hans-Jochen Vogel über München:"Die Stadt vermittelt das Gefühl von Heimat"

Von der "heimlichen Hauptstadt Deutschlands" zur Metropole von heute: Alt-OB Hans-Jochen Vogel (SPD) über 850 Jahre München, die Modernisierung der sechziger Jahre, Freude und Schrecken von Olympia 1972 sowie den Alt-68er Christian Ude.

Rathaus München, Sitzungssaal der SPD-Fraktion. Hans-Jochen Vogel, 82, blättert durch einen alten Spiegel-Artikel ( "O'zapft is") aus dem Jahr 1964 über München. Aha, das habe er nicht sofort gegenwärtig, sagt der Mann, der damals Oberbürgermeister war: "Ich darf überrascht sein." Und witzelt, damals sei er etwas jünger gewesen. Schließlich entdeckt Vogel noch ein Bild eines bekannten Münchner Playboys ("Aha, der Graser, meine Güte...") und dann beginnt das Interview über Vogels OB-Zeit (1960 bis 1972) und die Stadt München.

(Foto: Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Herr Vogel, Sie haben im Spiegel vor 44 Jahren erklärt, München habe "immer mehr die Funktion einer verborgenen Hauptstadt übernommen". Das war ziemlich viel der Ehre.

Hans-Jochen Vogel: Das war eine Einschätzung aus dem Jahr 1964. Man muss sich die damalige Situation vor Augen halten: Berlin war in einer Sonderrolle und wurde von der Bundesrepublik nicht als Hauptstadt gesehen, Bonn wiederum war Titularhauptstadt, aber es reichte von der Größe und der Funktion her nicht. Also gab es nur einen gewissen Wettbewerb zwischen Hamburg und München, wobei Hamburg stark international ausgerichtet war, hinaus auf die See.

Für München galten all diese Einschränkungen nicht. Weil die Stadt damals insgesamt eine sehr lebhafte Entwicklung genommen hat, war sie unter den Deutschen offenbar nicht nur bekannt, sondern auch populär. Anders wäre der ständige Zustrom von Menschen nach München schwer erklärbar gewesen.

sueddeutsche.de: War es eines Ihrer Motive, den Ruf als "heimliche Hauptstadt" zu verfestigen?

Vogel: Nein. Mein Hauptmotiv war, die großen Münchner Probleme zu lösen. Mit einem Einwohnerzuwachs von 300.000 Menschen in zwölf Jahren fertig zu werden. Sowie mit der schwierigen Verkehrssituation, mit den fehlenden Wohnungen und dem Ausbau der Infrastruktur - und das alles so, dass die Menschen hier gut leben sollten. Dabei musste auch die Münchner Eigenart und die kulturelle Gewichtigkeit der Stadt beachtet werden.

sueddeutsche.de: Die Sache mit der "heimlichen Hauptstadt" wird Ihnen doch geschmeichelt haben.

Vogel: Mir hat mehr geschmeichelt, dass die S-Bahn und U-Bahn in Betrieb ging. Und dass die Olympischen Spiele in München stattfanden. Und fast noch mehr, dass wir so viele Wohnungen gebaut haben. Das andere hat man mit einem gewissen Schmunzeln zur Kenntnis genommen.

sueddeutsche.de: Haben Sie die von Ihnen beschriebenen Probleme in Ihren zwölf Jahren gelöst? Vogel: Wer sagt, er habe alle Probleme gelöst, der überhebt sich. Bei einem nicht unerheblichen Teil aber waren wir erfolgreich. Die S-Bahn beispielsweise existiert in der gegenwärtigen Form seit 1972. Und auch das Olympiagelände mit dem Olympiastadion gehört zu unseren Leistungen.

sueddeutsche.de: Sie haben das Oberbürgermeisteramt 1960 von Thomas Wimmer übernommen, der für "Ramadama" bekanntgeworden ist, für das Wegräumen des Kriegsschutts ...

Vogel: Thomas Wimmer wird man nicht gerecht, wenn man ihn nur auf das "Ramadama" verkürzt. Er war der Mann, der den Menschen damals Hoffnung und Mut gemacht hat, aus dem jämmerlichen Zustand bei Kriegsende wieder nach vorne zu kommen. Er war fast ein Leuchtturm, gerade in seiner volksnahen und volkstümlichen Art.

sueddeutsche.de: Sie sind in Göttingen geboren und haben als 34-jähriger Jurist den 73-jährigen Alt-Bayern Wimmer abgelöst. Erschien Ihnen der Wechsel damals selbst als sehr gewagt?

Vogel: Als meine sozialdemokratischen Freunde mich als jungen Rechtsreferenten im Juni 1958, also vor 50 Jahren, erstmals auf das Amt ansprachen, sagte ich: "Ihr seid wahnsinnig!" Die Sache mit dem Geburtsort konnte übrigens leicht entkräftet werden, da meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern alle Bayern - meistens sogar Münchner - waren. Nach 14 Tagen kamen sie wieder. Dann habe ich mir das noch einmal überlegt und gesagt: Ich traue es mir zu! Wenn es klappt, ist es erfreulich, und wenn nicht, dann ist das keine Niederlage für das ganze Leben. Und dann war das Ergebnis erstaunlich, nicht?

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