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Alltag: Schizophrenie:Wenn die Stimmen kommen

Zurück in der Realität: Julia Schulz leidet unter einer schweren Psychose - und hat damit gelernt zu leben. Nun erzählt sie davon.

Als die 30-Jährige leise ihren Namen in die Runde sagt, blickt sie noch auf den Linoleumboden des Klassenzimmers. Dann guckt sie in die Gesichter von 13 Schülerinnen der 11. Klasse und sagt: "Ich habe eine psychische Erkrankung, Schizophrenie."

Kämpft gegen Vorurteile und wirbt bei Berufsschülerinnen für Verständnis: Julia Schulz.

(Foto: Foto: Andreas Heddergott)

Der Klassenlehrer wird später sagen, dass er seine Schülerinnen selten so aufmerksam erlebt hat. Aber so eine Lebensgeschichte hört man auch nicht oft. Julia Schulz streicht sich die langen dunklen Haare hinter die Ohren. Dann sagt sie: "Bei meiner ersten Psychose war ich genauso alt wie ihr jetzt - 18. Es endete mit einem Suizidversuch." Sie braucht genau zwei Sätze, um absolute Ruhe im Raum zu erzeugen.

Im Klassenzimmer 214 der Berufsschule an der Orleansstraße sitzen die angehenden Arzthelferinnen Julia Schulz in einem Stuhlkreis gegenüber, dazu eine Ärztin der TU München und die Schirmherrin der Veranstaltung, Schauspielerin Franziska Walser. Alle drei arbeiten mit dem "Münchner Bündnis für psychisch kranke Menschen" (Basta) zusammen. Die Arbeitsgruppe versucht, Schüler mit der Problematik psychischer Krankheit zu konfrontieren und ihnen so über Vorurteile und Ängste hinwegzuhelfen.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist im Laufe des Lebens von einer Psychose betroffen. Eine Psychose ist ein vorübergehender Zustand, in dem ein Mensch den Kontakt zur Wirklichkeit verliert, sich oft von seiner Umwelt bedroht fühlt. Und eine Schizophrenie ist eine schwere Psychose. So definiert es die Fachliteratur. Richtig versteht man diese Krankheit aber erst, wenn jemand wie Julia Schulz einfach aus dem Leben erzählt.

Sie war in der 12. Klasse, als es losging. Und sie hatte Stress. "Mein damaliger Freund hat mich verlassen, das Abitur stand an und der Führerschein. Auf einmal hatte ich vor allem Angst." Sie fühlte sich verfolgt, von Leuten, von der Umwelt, von den Menschen in der U-Bahn. Alle Gesprächsfetzen bezog sie auf sich, immer im negativen Sinn. Sie hatte das Gefühl, dass Autos sie überfahren wollten. Sie versuchte sich mit Pillen umzubringen und kam in die psychiatrische Klinik nach Haar. Allerdings wurde ihre Psychose dort nicht erkannt, sagt Schulz.

Plötzlich hörte sie Stimmen

Sie bekam Antidepressiva, zog in ein Mädchenhaus und machte ihr Abitur nach. "Nach einem Jahr habe ich die Medikamente dann weggelassen." Ein Fehler, der sie fast das gerade erst wiedergewonnene Leben gekostet hätte. Die Runde ist still. Auch Franziska Walser rührt sich nicht. Sie nimmt zum ersten Mal an einer solchen Veranstaltung teil. Zwischendrin erklärt die junge Ärztin einen Fachbegriff.