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Aktionstag:Der Münchner Baumbestand ist in Gefahr

Eine ganze Allee aus Pyramidenpappeln spendet Schatten an der Leopoldstraße. Die Bäume sind eine Variante der einheimischen Schwarzpappel, die inzwischen gefährdet ist.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Trockenheit, Schädlinge und die zunehmende bauliche Verdichtung der Stadt gefährden den Münchner Baumbestand.
  • Umweltschützer und Stadtteilpolitiker bemühen sich jetzt darum, den Baumschutz zu verbessern.
  • Zwar gibt es in der Stadt rund drei Millionen Bäume, doch schon lange wird nicht mehr für jeden gefällten Baum ein neuer gepflanzt.

Sie haben ganz genau gezählt. Im vergangenen Jahr wurden im Viertel 41 Bäume umgesägt, aber nur zwölf neu gepflanzt. 2014 fielen 162 Bäume der Säge zum Opfer, nur 33 kamen wieder dazu. 504 Bäume haben in den vergangenen zehn Jahren Mitarbeiter des Baureferats in Haidhausen und der Au gefällt, nachgepflanzt haben sie im gleichen Zeitraum weit weniger als die Hälfte, 195.

Den Mitgliedern des örtlichen Bezirksausschusses reicht es jetzt mit dem Kahlschlag. An diesem Dienstag wollen sie gemeinsam mit Haidhausern und Bewohnern der Au damit beginnen, insgesamt 300 Bäume zu pflanzen, die in den vergangenen Jahren verschwunden sind. Den 25. April haben die Lokalpolitiker bewusst gewählt: Es ist der internationale Tag des Baumes.

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Überall in München verschwinden Jahr für Jahr Bäume. Stadtbaurätin Elisabeth Merk hat errechnen lassen, dass zwischen 2010 und 2015 wohl 47 000 Bäume gefällt, aber nur 25 000 nachweislich neu gepflanzt worden sind. Oft fallen sie Neubauten in der immer dichter werdenden Stadt zum Opfer. Und das ist das Dramatische: Die Münchner lieben ihre Bäume, in den 25 Bezirksausschüssen der Stadt wird oftmals leidenschaftlich gestritten, wenn wieder einmal abgeholzt werden soll.

In der viel befahrenen Rosenheimer Straße wurde sogar ein Radweg-Projekt gekippt, weil sonst Bäume hätten gefällt werden müssen. Am Josephsplatz in der Maxvorstadt besetzten vor vier Jahren Umweltschützer alte Bäume, die wegen einer Tiefgarage weg mussten. Das Baumklettern hat schon beinahe Tradition in München. Im Jahr 2000 bestieg der damalige Stadtrat Bernhard Fricke (David gegen Goliath) am Viktualienmarkt einen Baum, um dort oben 36 Stunden lang gegen eine städtische Fällaktion zu protestieren. Damals sollten insgesamt 52 Bäume der neuen Schrannenhalle weichen.

Es gibt in den Bezirksausschüssen ganz selbstverständlich Baumschutzbeauftragte, die in ihrer Freizeit durchs Viertel streifen und auf jede noch so kleine Veränderung der Gehölze in den Straßenschluchten achten. Im Baureferat schwärmen zwei Mal im Jahr Mitarbeiter aus, um die geschätzt 800 000 Bäume zu begutachten, die in städtischen Grünanlagen und auf Schulhöfen wachsen, dazu kommen noch einmal 110 000 Exemplare, die Münchens Straßen säumen.

Bäume sind eine "gigantische natürliche Kühlanlage"

Für Umweltschützer ist das innige Verhältnis der Münchner zu ihren Bäumen ein großes Glück. So können sie, Pardon, in die gleiche Kerbe schlagen mit der Forderung nach mehr Schutz des städtischen Grüns. Bereits vor zwei Jahren hatte der Bund Naturschutz (BN) eine Workshop-Reihe zum Thema Baumschutz ins Leben gerufen. "Schnell wurde jedoch klar, dass es im gemeinsamen Interesse darum gehen muss, konkret zu handeln", schrieb der BN-Vorsitzende Christian Hierneis Ende vergangenen Jahres in einem Appell an die 25 Bezirksausschüsse. "Die Münchner Bezirksausschüsse handeln - jetzt!", forderte er. Ein parteiübergreifendes Gremium erarbeitete einen Antragskatalog zur Stärkung des Baumschutzes in München, ein Masterplan "für ein lebenswertes München".

In dem Papier fordert das Gremium nicht nur den Erhalt, sondern die Ausweitung von Grünflächen mit Bäumen. Denn diese fördern nicht nur "das Wohlbefinden des Menschen", sie dienen auch als Sauerstoffproduzent und Luftfilter und sogar als gigantische natürliche Kühlanlage im Sommer. Künftig sollen demnach alle Bäume, die gefällt werden, auch ersetzt werden. Dazu soll die Verwaltung ein Baumkataster für das gesamte Stadtgebiet erstellen.

Bei Neubauten fordert das Gremium ähnlich wie die Stellplatzvorgabe für Kfz eine Vorschrift, wie viele Bäume pro Grundstücksfläche gepflanzt werden müssen. Der 21 Anträge umfassende Forderungskatalog sieht auch vor, dass sogenannte Ausgleichszahlungen in Höhe von bislang 750 Euro pro Baum, mit denen sich Grundstückseigentümer von der Pflicht einer Ersatzpflanzung freikaufen können, drastisch erhöht wird.

Nicht immer läuft alles nach Wunsch der Umweltschützer

Seit Januar befassen sich die Bezirksausschüsse mit dem Antragspaket an die Stadt. Viele stimmen einstimmig oder mit deutlicher Mehrheit dafür, andere haben eigens Sondersitzungen zu dem Thema einberufen. Doch nicht immer läuft es so, wie es sich die Umweltschützer wünschen. Im dicht bebauten Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe, wo die Grünen-Politikerin Sybille Stöhr den Vorsitz hat, kommt es zur Überraschung: Während Grüne und CSU für das Antragspaket stimmen, lehnen es SPD und FDP ab. Die FDP stellt in dem Gremium ausgerechnet die Baumschutzbeauftragte.

Natürlich kämpft nicht nur der Bund Naturschutz für Münchens Bäume. Die Umweltorganisation Green City setzt sich seit 1992 für begrünte Straßen ein. Mit großem Brimborium ziehen die Umweltaktivisten mehrmals im Jahr mit Topfbäumen durch die Stadt und stellen sie für mehrere Wochen in jeweils anderen Straßen auf. Und die Grünen im Stadtrat haben bereits vor drei Jahren gefordert, einen Wettbewerb für die 100 schönsten Münchner Bäume ins Leben zu rufen. Ob es da eindeutige Sieger geben wird, ist ungewiss. In München, so wird geschätzt, wachsen etwa drei Millionen Bäume.

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