Akademie der Schönen Künste:Stein des Anstoßes

Streit um Lesungen in der Akademie der Schönen Künste

Die Auseinandersetzung in der Akademie ausgelöst hat ein kleiner Satz, der am Ende von Seite 2 eines Sitzungsprotokolls vom 21. Mai 2010 stand: "Buchvorstellungen macht die Akademie nicht", hieß es da, unterschrieben hatten Präsident Dieter Borchmeyer und Generalsekretärin Katja Schaefer. Der Posten des Literaturdirektors war zu diesem Zeitpunkt vakant, da der Lyriker Peter Horst Neumann im Juli 2009 überraschend gestorben war. Seine Nachfolge trat im Herbst 2010 Jens Malte Fischer an, langjähriger Professor für Theaterwissenschaft an der LMU.

Als Petra Morsbach im Oktober 2010 eine Veranstaltung über Norbert Gstreins damals heiß diskutierten Roman "Die ganze Wahrheit" beantragt, wird ihr Wunsch, ohne in der Literaturklasse diskutiert zu werden, mit Hinweis auf die Regel abgelehnt. Fischer teilt in einer Abteilungssitzung (12.10.2010) der Literaturklasse den angeblichen Direktoriumsbeschluss mit, wonach es in der Akademie keine Buchvorstellungen mehr geben werde, "auch keine verdeckten ... da werde ich wie ein Zerberus drauf achten!" (Zitat nach Morsbach). Trotz eines intensiv geführten Mailwechsels mit Präsident und Literaturdirektor gelingt es Morsbach nicht zu klären, wann diese Regel erlassen wurde und wer dafür verantwortlich zeichnet.

Daraufhin startet sie eine Umfrage in der Literaturklasse mit einem leicht sarkastischen Fragebogen zum Ankreuzen (Antwortvorschlag Nr.3: "Was unsere Chefs entscheiden, wird gemacht"). Die große Mehrheit der Literaten spricht sich gegen die Regel aus. Jetzt verschärft sich der Ton des Streits vehement. Der wütende Präsident bezichtigt Morsbach der Manipulation. Die Folge: Am 21. Februar 2011 beschließt das Direktorium eine schriftliche Fassung der Regel, mit der Begründung, der nicht kommerzielle Charakter der Veranstaltungen müsse gewahrt bleiben. Morsbach stellt in einem Memorandum ans Direktorium (mit Kopie an den Kunstminister) die Situation noch einmal dar, wundert sich darin, mit welchem Eifer "Funktionäre und pensionierte Beamte, die jahrzehntelang gut von der Kunst gelebt haben, ohne ihr substantiell etwas hinzuzufügen, Künstlern, von denen die meisten um ihre Existenz kämpfen, um den Erlös von 10 bis 20 verkauften Büchern bringen wollen."

Borchmeyer und Fischer reagieren empört, fühlen sich als "impotente Nichtstuer und Nichtskönner" (Fischer) und "ästhetisch impotente Funktionäre" (Borchmeyer) dargestellt. Im Gegenzug wirft der Präsident der Autorin gefälschte Zitate, aberwitzige Unterstellungen, wahnhafte Verschwörungsideen, üble Nachrede vor. Und behauptet, das Direktorium könne schwerlich einen Beschluss aufheben, den es "nie und nimmer" gefasst hat. Erst eine vom Lyriker Ludwig Steinherr gestartete Petition und sein zähes, moderates Insistieren führen zu einer Relativierung der Regel. Fischer tritt bald nach dem Eklat zurück, Borchmeyer wird 2013 abgewählt. Mosbach startet im Frühjahr 2017 noch einen Versuch, die Vorschrift zu kippen, scheitert erneut. Daher ist die "Regel", die Borchmeyers Nachfolger Michael Krüger in einem Protokoll sogar als "Gesetz" bezeichnet, immer noch gültig.

© SZ vom 01.09.2020 / SRH
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB