Abwassernetz Sämtliche Abwässer der Stadt landeten in der Isar

Es gab keine Kanalisation, Abwässer und Abfälle wurden einfach in Sickergruben oder in die vielen Stadtbäche gekippt. "Es waren katastrophale Verhältnisse", sagt Ingenieur Böhm. Pettenkofer war klar, dass München nur dann wirklich gesunden könne, wenn es drei Maßnahmen ergreift: frisches Trinkwasser aus dem Voralpenland in die Stadt heranschaffen, das Abwasser geregelt ableiten und einen zentralen Schlachthof bauen, damit die Kadaver nicht mehr überall in der Stadt verteilt wären.

Böhm führt eine Gruppe hinab in den alten Jägerkanal.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der junge Architekt Arnold Zenetti wurde daraufhin nach Hamburg entsandt, um das dort schon existierende Kanalnetz zu studieren. Zurück in München baute er zunächst 25 Kanäle in der Münchner Innenstadt. Das verbesserte die hygienischen Verhältnisse in der wachsenden Stadt bereits, doch dann brach 1873 erneut die Cholera aus - und Pettenkofer konnte die Pläne für eine groß angelegte Kanalisation der Stadt endlich umsetzen.

Der britische Ingenieur James Gordon, der bereits einschlägige Erfahrungen auf dem Gebiet vorweisen konnte, wurde angeheuert, um einen Gesamtentwässerungsplan für München zu erstellen. Da Solln im Süden etwa 90 Meter höher als Freimann im Norden liegt, konnte in München die kostengünstigere Schwemmkanalisation eingeführt werden, bei der Regenwasser den Dreck einfach fortspült. Doch erst 1893, vor 125 Jahren, ging es mit dem Ausbau des Münchner Kanalnetzes richtig los.

2400 Kilometer

lang ist das Münchner Kanalsystem, das ist eine Strecke von München bis Gibraltar am südwestlichsten Punkt Europas. Dazu kommen noch etwa 4000 Kilometer Anschlusskanäle der Privathaushalte. Insgesamt speisen etwa 1,8 Millionen Menschen ihr Abwasser in das Netz ein. Denn neben den Münchnern sind auch die Bürger von 22 Nachbargemeinden an das Kanalsystem angeschlossen sind.

Sämtliche Abwässer der Stadt wurden nach Norden geleitet und landeten in der Isar - ungeklärt. Der ganze Dreck floss an Freising und Landshut vorbei, was natürlich wütende Proteste hervorrief. Hier hatte sich Pettenkofer geirrt: Er hatte geglaubt, dass die Isar die Münchner Kloake schon ausreichend verdünnen würde. Doch es dauerte bis 1926, dass die Kläranlage Großlappen in Betrieb genommen wurde. Später kam noch das Gut Marienhof bei Eching dazu.

Bei Hochwasser reichen die Münchner Kanäle allerdings nicht aus, um die Wassermassen gereinigt abzuleiten, dann rauscht das Wasser auch wieder durch die eigentlich vor drei Jahrzehnten stillgelegten Kanäle wie den Jägerkanal direkt in die Isar. Wenn es mal vorkommt, dass aus den Straßengullys eine braune Brühe nach oben schwappt, liegt das also nicht daran, dass die Kanalisation der schnell wachsenden Stadt nicht mehr gewachsen ist.

Denn das meiste Abwasser stammt nicht aus Münchner Haushalten, sondern von Niederschlägen. Selbst ein Großereignis wie das Oktoberfest fällt im Gedärm der Stadt kaum auf. Bernhard Böhm, Herr der Münchner Kanäle, lacht: "Was die auf der Wiesn bieseln, ist leicht zu verkraften."

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