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Bäche in München:So könnte München wieder ein kleines Venedig werden

Kinder im Auer Mühlbach, 1939

Wasserspiele: Im Jahr 1939 floss der Auer Mühlbach dicht zwischen den Häusern, für Kinder ein Paradies zum Spielen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war die Münchner Altstadt durchzogen von einem dichten Netz von Bächen und Kanälen.
  • Der Bau der Kanalisation und die Entwicklung des Stadtverkehrs führten unter anderem dazu, dass viele Bäche in den Untergrund weichen mussten.
  • Jetzt will der Stadtrat einige der verschwundenen Bäche wieder an die Oberfläche holen.

Von Thomas Anlauf

Bäche sind etwas ganz Besonderes in München: In der Au wirbt ein Wohnstift mit seiner Lage am Entenbach, den es eigentlich seit 1901 nicht mehr gibt. Nur in der Seniorenanlage plätschert und sprudelt noch etwas Wasser des einst zwei Kilometer langen Laufs, in dem bis ins 19. Jahrhundert Geflügelhändler ihre Enten schwimmen ließen.

Drüben, auf der anderen Seite der Isar, rauscht der Glockenbach, der einem sehr angesagten Viertel seinen Namen gibt. Sichtbar ist er trotzdem nicht, er fließt in einem unterirdischen Bett. Dafür ist der Westermühlbach, etwas südlich im Dreimühlenviertel gelegen, aufwendig von einem Immobilienunternehmen ein Stück weit an die Oberfläche geholt geworden; er fließt nun durch das alte Rodenstockgrundstück, wo eine edle Wohnanlage errichtet wurde. Leben am Bach inmitten der Großstadt - das ist eben für viele ein Traum. Heute.

Im vergangenen Jahrhundert jedoch wollte die Stadt ihre vielen Bäche loswerden. Sie waren lästig und wurden vielerorts verschüttet, verrohrt, verbaut.

Jetzt will der Stadtrat, dass möglichst viele der verschwundenen Bäche wieder sichtbar werden. Denn die paar verbliebenen Bäche und Kanäle in München sind geradezu Symbol geworden für die lebensfrohe, moderne Stadt. Die Wellenreiter am Eisbach geben weltberühmte Fotomotive ab, die Nackerten und spärlich Bekleideten weiter nördlich im Englischen Garten nicht minder. Im Münchner Süden teilen sich Kajakfahrer, Floßfahrer, Stand-up-Paddler, Surfer und Schwimmer den Kanal. Und selbst die Stadtwerke haben längst die Bedeutung der alten Bäche für sich entdeckt, als Strom- und als Kältelieferanten.

Eigentlich war auch nicht die große Isar der Grund, weshalb sich im Mittelalter Menschen hier niederließen, auch wenn die Münchner Stadtgeschichte die Isarbrücke in den Mittelpunkt rückt. Der Gebirgsfluss war geradezu lebensgefährlich mit seinen unberechenbaren Hochwassern. Immer wieder änderte er seinen Lauf durch die Schotterebene, links und rechts bildeten sich Bäche. Die ersten Siedler lebten demnach nicht unten an der Isar, sondern auf der sogenannten Altstadt-Terrasse in einer hochwasserfreien Zone.

Die Bäche flossen dort entlang und lieferten genügend frisches Wasser für die ersten Münchner. Bereits vor der Stadtgründung im 12. Jahrhundert ratterten Mühlen an den Bächen, links der Isar wurden alle Bäche vom Großen Stadtbach versorgt, der Auer Mühlbach auf der anderen Flussseite wurde über das Harlachinger Wehr in der Wasserzufuhr reguliert. Im ausgehenden 14. Jahrhundert waren es 15 Mühlen, allein am Dreimühlenbach drehten sich die Räder von drei Mühlen, bedeutender war aber die Westermühle an der Holzstraße. Die Bäche und ihre Mühlen waren Motoren für die wirtschaftliche Entwicklung Münchens.

SZ-Grafik

Die Stadt wuchs und mit ihr der Bedarf an Holz zum Bauen und Heizen. Im Oberland wurden die Wälder gerodet und über die Isar und die Stadtbäche nach München transportiert. Bis zum Alten Südlichen Friedhof trieben die Stämme, weiter oben im Lehel führte der Triftkanal Schwemmholz in den herzoglichen Holzgarten, in dem das Holz getrocknet und verkauft oder am Hof verheizt wurde. Noch heute erinnern Straßennamen wie die Trift- und Ländstraße an ihre frühere Bedeutung.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts durchzog ein dichtes Netz von Bächen und Kanälen die heutige Altstadt, das Lehel sowie die Isarvorstadt, um die Versorgung Münchens zu gewährleisten. Da die Isar immer wieder ihren Lauf änderte, war es nötig geworden, das Wasser weit vor den Stadttoren zu kanalisieren. Schließlich dienten die Bäche nicht mehr nur dem Frischwasserbedarf der Münchner, sondern auch der Abfall- und Abwasserentsorgung.

Mit der Kanalisation verloren die Stadtbäche ihre Bedeutung

Das hatte dramatische Folgen. In der mittlerweile dicht besiedelten Stadt brachen im 19. Jahrhundert mehrmals Cholera-Epidemien aus, etwa 1854 während der Industrieausstellung im Glaspalast. Der Mediziner Max von Pettenkofer sah in den hygienischen Zuständen in München den Grund für den Ausbruch der Epidemie und setzte den Bau der Kanalisation und einer zentralen Trinkwasserversorgung durch. Viele Münchner Stadtbäche verloren daraufhin ihre Bedeutung, bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten zugeschüttet.

Der ständig wachsende Verkehr in München tat sein Übriges. Bereits 1911 diskutierte die Stadt darüber, deshalb alle Bäche aufzulassen, wie Franz Schiermeier in seinem Buch "Münchner Stadtbäche. Lebensadern einer Stadt" schreibt. Allerdings hatten damals noch zu viele Kraftwerksbetreiber Nutzungsrechte an den Bächen. In den Sechzigerjahren jedoch war das Schicksal der meisten innerstädtischen Bäche endgültig besiegelt.

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