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Abwassernetz:17 Stufen in den Münchner Untergrund

Ein gigantisches Bauwerk aus Ziegeln zieht sich durch den Münchner Untergrund.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Lange galt München als stinkendes Drecksloch, die hygienischen Zustände waren verheerend - bis vor 125 Jahren der Ausbau des Kanalnetzes richtig losging. Ein Besuch im Gedärm der Stadt.

Es sind nur 17 Stufen bis zum Gedärm der Stadt. Eine enge Wendeltreppe führt hinab in die Zwielichtzone, ein paar Meter oberhalb staut sich der Feierabendverkehr auf der Autobahn nach Norden. Hier unten ist es feucht, dicke Tropfen kleben wie Quallen an der schwarzen Decke, die hin und wieder auf den Kopf tropfen.

An einem fleckigen Stahlträger hängen schleimige Fäden. Ein fauliger Geruch hängt in der Luft, er kommt von weiter unten, sechs Meter unter der Oberfläche: eine Säulenhalle, erleuchtet von gelben Strahlern. Am Boden steht die braune Brühe bis zu den Stufen. Es ist eine spezielle Münchner Mischung aus Regen- und Abwasser, die da so stinkt.

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"Wir haben in München ein Mischsystem: ein großes Rohr für Regen und Abwasser", sagt Bernhard Böhm. Der Betriebsleiter der Stadtentwässerung steht an diesem März-Nachmittag mit einer Gruppe Interessierter im Halbdunkel der Kanalisation, knapp oberhalb des riesigen Regenüberlaufbeckens am Ende der Autobahn A 9.

Weiter vordringen kann Böhm nicht mit den Teilnehmern des Münchner Forums, das zum Weltwassertag die Führung organisiert hat; die Niederschläge der vergangenen Tage haben die Säulenhalle zum Teil geflutet. Deshalb steigt Böhm ein paar hundert Meter weiter östlich an der Ungererstraße in einen anderen Schacht, den alten Jägerkanal unter dem Nordfriedhof. Eine Kuppel aus Ziegeln wölbt sich über die viereinhalb Meter hohe Halle, durch die zwei Kanäle laufen.

Der eine führt nach Norden, bis er am Klärwerk endet. Der andere verläuft im Stockdunkeln in einer großen Rechtskurve unter dem Nordfriedhof hindurch bis zur Isar. Die Kanäle stammen noch aus der Anfangszeit der Münchner Kanalisation, Ende des 19. Jahrhunderts sind sie entstanden. Dass sie gebaut wurden, ist einem Münchner Arzt und Apotheker zu verdanken: Max von Pettenkofer.

Bernhard Böhm von der Stadtentwässerung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Begründer der Hygieneforschung, vor 200 Jahren, am 3. Dezember 1818, in Neuburg an der Donau geboren, wurde bereits als 35-jähriger Universitätsprofessor zu Hilfe gerufen, als in München 1854 die Cholera ausbrach. Er war überzeugt davon, dass die hygienischen Zustände in München maßgeblich an der Epidemie schuld waren - München galt bis dahin als stinkendes Drecksloch.