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Abtreibungen aus finanziellen Gründen:Angst vor dem sozialen Abstieg

Neben der Wohnungsnot sieht Zattler von "Pro Familie" ein weiteres Problem: Viele schwangere Frauen haben Angst davor, ihren Job zu verlieren und sozial abzusteigen. Zattlers Beratungsstelle in der Türkenstraße liegt in der Nähe der Uni. Vergangenes Jahr kamen 4575 Frauen, die Hälfte von ihnen zur Konfliktberatung vor einem Abbruch. Es waren vor allem 18- bis 25-Jährige, zum großen Teil alleinstehend. Jede zweite von ihnen fürchte, die Situation materiell nicht bewältigen zu können, sagt Zattler.

Die häufigsten Ängste seien, eine ohnehin befristete Stelle durch die Schwangerschaft zu verlieren, nach der Elternzeit auf der Kündigungsliste zu stehen oder eine Ausbildung nicht beenden zu können. "Gerade Frauen müssen sehr auf ihre Biografie achten", sagt Zattler. Sie müssten sich heute mehr als früher auch unabhängig vom Partner absichern.

Wenn das Kind kommt, ist zumindest ein Elternteil zeitweise raus aus dem Beruf. Wer, womöglich nach einer Elternzeit, zurück in den Job will, braucht eine Kinderbetreuung. Die Nachfrage ist in München größer als das Angebot: Laut Bildungsreferat brauchen 60 Prozent der Kinder bis drei Jahren einen Platz. Rechnet man Krippen, Eltern-Kind-Initiativen und Tagespflege zusammen, reicht es aber nur für 36 Prozent.

"Frauen, die alleinerziehend werden und möglichst schnell weiterarbeiten wollen, haben in München ein gehöriges Problem", sagt Dressel von "Frauen beraten". Wenn sie nicht arbeiten und das Elterngeld läuft aus, landen sie schnell bei Hartz IV. Gekoppelt mit sozialem Abstieg schreckt das die Frauen enorm ab, beobachtet Doris Hofmann von Donum Vitae. Seit 2011 wird das Elterngeld zudem auf die Arbeitslosenhilfe angerechnet, das Minimum von 300 Euro kommt damit gar nicht mehr bei den Eltern an.

Hofmann leitet die Beratungsstelle von Donum Vitae in Freising mit der Außenstelle Haar. 2011 kamen 230 Frauen zu ihr, die wenigsten haben ein finanzielles Polster, viele haben Schulden. "München ist keine Stadt, die großartig kinderfreundlich ist", sagt die Beraterin. Vor allem nicht so gut gestellte Schwangere haben Angst, "dass die Kinder gesellschaftlich nicht mithalten können, nicht akzeptiert werden. Es gibt einen enormen Druck, materiell bestehen zu können."

Hilfe wird ungern angenommen. Das hat auch mit bürokratischen Hürden zu tun. "Oft sind wir wochenlang damit beschäftigt, alle Anträge zu stellen", sagt Simon - etwa für Kindergeld, Elterngeld, Unterhaltsvorschuss, Wohngeld, das bayerische Landeserziehungsgeld, Zuschuss für Krippenessen und und und.

Das zeigt aber auch, dass geholfen werden kann. "Entscheidend ist, dass man das in Anspruch nimmt", sagt Gerhard Schmid, Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreises München. Er gibt zu, dass das System sehr bürokratisch ist und die Betroffenen "mangels Spezialkenntnissen" überfordert seien. Seine Schwangerschaftsberaterinnen im Landratsamt hätten da einen Vorteil: Auf Wunsch könnten sie gleich beim Sozialamt oder im Jobcenter anrufen und die werdende Mutter vorbeischicken.