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Abitur in Bayern:"Das entspricht nicht meinen Wertvorstellungen"

Auch wenn sich in diesen Tagen alles um die Prüfungen dreht, ist die Schule für sie nicht alles. Zoe engagiert sich in ihrer Freizeit beim Roten Kreuz, das will sie sich nicht nehmen lassen. "Wenn von mir verlangt wird, alle Aktivitäten einzustellen, um die Höchstleistung zu erbringen, dann sehe ich da keinen Sinn dahinter", sagt sie. Ehrenamtliches Engagement werde viel zu wenig berücksichtigt. "Das entspricht nicht meinen Wertvorstellungen und meinem Lebensstil." Ein Mitschüler wolle Medizin studieren. Um fürs Abi zu lernen, würde er seit drei Monaten jede Verabredung absagen, erzählt Benedict: "Man verspricht den Schülern den Einzug ins gelobte Land, wenn sie sich zwei Jahre total anstrengen."

Weil das System eben so ist, wie es ist, seien viele Schüler komplett auf die Noten fixiert. Eigenständigkeit und Kreativität stehen nicht auf dem Lehrplan, kritisieren die Schüler. "Die Schule bringt keine selbstdenkenden Wesen hervor, sondern irgendwelche reproduzierenden, geformten Maschinen", so Benedict. In seiner Freizeit liest er Bücher von Richard David Precht.

Im September, bei der Bundestags- und Landtagswahl, darf Benedict zum ersten Mal wählen. "In der Schule habe ich nie irgendwas über Parteien gehört. Mich mit dem kritisch auseinanderzusetzen was ein Politiker sagt, habe ich in der Schülervertretung gelernt und nicht in der Schule." Bedenklich findet er es auch, wie seine Mitschüler an das Abi rangehen würden. "Die Leute posten bei Facebook: F***. Es geht los." Das soziale Netzwerk gibt einen Einblick in das Seelenleben der Abiturienten. Bilder von Hängematten werden gepostet. Alle wollen nur noch weg. Auch Zoe ist der Druck anzumerken. Die Deutschklausur hat sie mit Kopfschmerzen verlassen.

Am heutigen Freitag steht Mathe an. Seit Einführung des G8-Abiturs 2009 muss jeder Schüler auch in Mathematik schriftlich geprüft werden. Bei der Vorbereitung darauf kritisieren die beiden die krassen Niveauunterschiede zwischen den Kursen: "Wir sind jetzt gerade mit dem Stoff fertig geworden, in dem anderen Kurs rechnen sie schon seit drei Wochen Abituraufgaben. Die kennen jeden Typ Abi", sagt Benedict.

Zoe hat eine große Schwäche in Mathematik. Viele würden nur wegen diesem einen Fach durchfallen: "Ich finde den Ansatz falsch, dass man alles können muss. Man kann nicht alles können." Es würde immer nur um diesen einen Punkt gehen, der erreicht werden muss, um in Mathe zu bestehen. Auch auf welchen Korrektor man stößt, sei Zufall. "Ich sehe das Abi als Glückssache an. Es ist abhängig von der Tagesform, vom Lehrer, von der Vorbereitung, von den Aufgabentypen, die du behandelt hast", sagt Zoe.

Wenn der Stress vorbei ist, würden viele in ein Loch fallen, sagt die 18-Jährige. Die wenigsten wissen, was sie nach dem Abitur machen wollen. Zoe will ins Ausland. Am liebsten möchte sie in Südamerika an einem Projekt für den Erhalt des Regenwalds mitarbeiten. Benedict beginnt ein duales Studium der Wirtschaftsinformatik. Aber vorher muss noch Mathe überstanden werden. "Hauptsache durchkommen", sagt Zoe und lächelt.