50 Jahre befreundet, 30 Jahre das gleiche Hobby Eigene Handschrift

Frauen, die die Welt verändern: Rita van Endert und Kirsten Engelmann sammeln Autographen von berühmten Schriftstellerinnen und Politikerinnen

Von Martina Scherf

Ein denkmalgeschütztes Haus in der Münchner Altstadt, ein versteckter Eingang im Innenhof, eine alte Holztreppe und dann - Kirsten Engelmann öffnet die Tür zu einem riesigen Flur und dirigiert den Besuch ins Wohnzimmer: "Ganz nach hinten durchgehen, bitte". Vorbei an mindestens 20 Metern Regale voller Bücher, vom Boden bis zur Decke, am Ende öffnet sich ein großer Salon. Dort wartet Rita van Endert, demnächst 80 Jahre alt, in ihrem Erker, der zugleich ihr Arbeitsplatz ist. Seit 50 Jahren sind die beiden Freundinnen. Seit 30 Jahren sammeln sie gemeinsam Handschriften berühmter Frauen. Ein bedeutendes Konvolut ist in dieser Zeit zustande gekommen: Briefe, Gedichte, Romanmanuskripte, teils handsigniert, von "Frauen, die die Welt verändert haben".

Rita van Endert klappt ihr Laptop auf und klickt durch die gescannten Autographen. Schriftstellerinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Käthe Kollwitz, Astrid Lindgren, Christa Wolf finden sich in der Sammlung, Politikerinnen von Rosa Luxemburg bis Rita Süssmuth. Die Originale haben Engelmann und van Endert vor kurzem dem Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf vermacht, das vor Jahren schon einzelne Stücke ausstellte und die Sammlung jetzt wissenschaftlich aufarbeiten wird.

Da ist etwa Annette Kolbs (1870-1967) Manuskript der "Unabhängigkeitserklärung der Frau", 1925: "Die Frau in der Politik. Oft schon wurde ich ersucht mich über dieses Thema zu äussern. Aber da lässt sich immer nur das selbe sagen oder fragen: Was hat man aus ihr gemacht. . . . Die grosse Vergeltung ist nicht der Zusammenbruch dieses oder jenes Landes. Gottes Mühlen mahlen nicht in diesem Tempo. . . . Die Art und Weise jedoch in welcher das Selbstbestimmungsrecht der Völker sich verwirklichte, hängt sehr eng mit der Unabhängigkeits Erklärung der Frau zusammen. Ich will uns nicht beschönigen. Unsere Unzulänglichkeit ist noch gross. Wir neigen zur Albernheit. Aber sollte die Albernheit am Ende heilbarer wie die Dummheit sein?"

Kirsten Engelmann (links) und Rita van Endert sind seit 50 Jahren Freundinnen.

(Foto: Robert Haas)

Die Dummheit derer, die 21 Jahre nach dem Ersten einen Zweiten Weltkrieg anzettelten, konnte die Münchnerin Annette Kolb - ihr Grab liegt auf dem Alten Bogenhausener Friedhof - nicht verhindern. Sie hatte schon 1899 ihr erstes, selbst finanziertes Buch herausgegeben. Unermüdlich trat sie öffentlich für Versöhnung mit Frankreich ein, träumte von einem freien, vereinten Europa. Den Männern war sie ein Dorn im Auge. Das Bayerische Kriegsministerium verhängte 1916 eine Brief- und Reisesperre gegen sie "wegen pazifistischer Umtriebe". 1933 floh sie vor den Nazis nach Paris, später nach New York. Kehrte später nach München zurück und war bis ins hohe Alter literarisch und politisch aktiv.

Kirsten Engelmann zieht ein Buch aus dem Regal. "Sehen Sie mal: Schon 1898 gab es ein Lexikon ,Deutsche Frauen der Feder'. Und 100 Jahre später wurden schreibende Frauen immer noch nicht so wahrgenommen, wie sie es verdienten." Engelmann überragt ihre Freundin um mehr als eine Kopflänge. Sie spricht mit hanseatischem Einschlag und führt gerne das Wort. Van Endert korrigiert, wenn sie meint, die Fakten stimmen nicht so ganz.

Wie hat das überhaupt begonnen mit dem Sammeln? "Also, das erklär' ich jetzt mal . . .", sagt Engelmann. Sie ist die Witwe des Schriftstellers Bernt Engelmann, und der hatte eine Autographen-Sammlung angelegt mit Gedanken berühmter Persönlichkeiten zur Französischen Revolution. "Als wir damals das Ergebnis durchblätterten, sagten wir beide: Und Frauen gibt es da wohl keine?" So fing es an. Die Freundinnen forschten bei Auktionen und in Archiven und baten noch lebende Politikerinnen und Schriftstellerinnen um Zeugnisse.

Engelmann zieht den Vorhang ein wenig zu, die tief stehende Herbstsonne, die durch die großen Fenster eindringt, blendet sie. Auch wenn die beiden Frauen seit einem halben Jahrhundert befreundet sind - "wir kriegen uns schon oft in die Haare", sagt die fünf Jahre jüngere Engelmann, "na, wir diskutieren halt", schiebt van Endert mit einem Lächeln hinterher. Kennengelernt haben sich die beiden in den sechziger Jahren am Tegernsee. Die eine kam aus Neuss am Rhein, die andere aus Hamburg. Beide waren angesteckt von den revolutionären Ideen der Studentenbewegung. "Ich wollte was anderes sein als die brave Tochter aus gutem Hause", sagt van Endert, die aus einer begüterten Kaufmanns-Familie stammt, "ich wollte weit weg vom Rhein".

Kirsten Engelmann war Cutterin beim Norddeutschen Rundfunk gewesen und jung verheiratet mit Bernt Engelmann. Er schrieb Beiträge für das vom NDR produzierte Polit-Magazin "Panorama" und wurde später mit seinen "Anti-Geschichtsbüchern" zu einer Ikone der Linken. Zusammen mit Günter Wallraff hatte er den Bestseller "Ihr da oben, wir da unten" geschrieben. Als er sich mit dem CSU-Vorsitzenden und Rüstungslobbyisten Franz-Josef Strauß anlegte, titulierte der ihn und andere linke Journalisten als "Ratten und Schmeißfliegen". Ein Zitat, das in die Geschichtsbücher einging.

Die Engelmanns und Rita van Endert hatten sich also aus unterschiedlichen Gründen in Oberbayern niedergelassen, und die beiden Frauen engagierten sich im Ortsverein der SPD. "Die Flintenweiber vom Tegernsee nannte uns die CSU", sagt Kirsten Engelmann und lacht. Es gefällt den beiden heute noch, wie sie das schwarze Dorf damals aufgemischt haben. Aber auch die SPD-Genossen waren "schwer erschüttert, als wir Mädels auftauchten und Forderungen stellten". Es war die Zeit der Notstandsgesetze (1968), des Radikalenerlasses (1972), der Abtreibungsdebatte, "die 68er-Bewegung aus München schwappte auch zu uns an den See", sagt Engelmann.

Van Endert, die Journalistin, ging dann 1973 nach München. 20 Jahre lang war sie Redakteurin der Abendzeitung. Kirsten wurde Ortsvorsitzende der SPD in Rottach-Egern. "Du hast damals schon keine Röcke getragen", sagt Rita van Endert und grinst.

Zum Thema Rock fällt ihnen gleich noch eine Geschichte ein. Sie haben ein Schriftstück von Lenelotte von Bothmer in ihrer Sammlung. Die SPD-Politikerin war von 1969 bis 1980 Mitglied des Bundestages. Nachdem dessen Vizepräsident Richard Jaeger (CSU) - er hatte sich auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe eingesetzt - erklärt hatte, er würde es keiner Frau erlauben, das Plenum in Hosen zu betreten, trat sie am 14. Oktober 1970 als erste Frau in einem hellen Hosenanzug ans Pult und hielt eine Rede im Hohen Haus. Ein Skandal.

Frauen, die die Welt bewegten. "Wir sammeln nach Inhalten, weniger nach der Form", sagt Kirsten Engelmann. Zu ihren Lieblingsstücken gehört ein Brief der französischen Künstlerin Marie Victoire Jaquotot an einen befreundeten Grafen, mit der Bitte, ihre Bemühungen um eine königliche Pension zu unterstützen. Sie hatte "ihre Arbeit der Nation gewidmet", ohne dafür jemals angemessen entschädigt worden zu sein, schrieb sie. Jaquotot war eine berühmte Porzellanmalerin, sie hat Napoleon porträtiert und einfühlsame Porträts in Öl geschaffen, einige davon hängen im Pariser Louvre. "Trotzdem kennt sie fast niemand", sagt Engelmann trocken. "Das Übliche", ergänzt van Endert.

Als Bernt Engelmann 1994 starb, wollte Kirsten nicht mehr allein am Tegernsee bleiben, die Töchter waren längst aus dem Haus. Rita van Endert wohnte in der großzügigen Wohnung, die sie in den siebziger Jahren gekauft und renoviert hatte. "Vorher war hier ein Puff drin gewesen, das ganze Haus war heruntergekommen", sagt sie. Kirsten Engelmann zog also zu ihrer Freundin - "wir haben hier ja genug Auslauf".

Sie haben es sich schön eingerichtet zwischen Büchern, Bildern und Antiquitäten. Über alte und neue Nazis können sie sich immer noch gewaltig aufregen. "Wir gehen auf jede Demo gegen Rechts, auch wenn die alten Knochen weh tun", sagen sie. Auch in der SPD sind sie noch - "aus dieser Partei darf man nicht austreten, der geht es eh schon so schlecht". Und sie sammeln weiter. Vor kurzem erwarben sie ein schönes Stück der Revolutionärin Clara Zetkin. Auch so ein Vorbild, ohne das die Frauen nicht dort angekommen wären, wo sie heute sind.