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Neue Genossen:Offen für die Außenwelt

"San Riemo" nimmt Gestalt an: Die Kooperative Großstadt kürt einen Entwurf für ihre geplante Wohnanlage

Von Anna Hoben

Weißer Rauch steigt zwar nicht auf aus der Buga-Lounge in der Messestadt Riem, aber die eine oder andere Erleichterungszigarette wird um 23 Uhr schon angezündet. Wie beim Konklave zur Papstwahl im Vatikan können die Genossen von der Kooperative Großstadt in Riem einen Durchbruch verkünden: Habemus domum, wir haben ein Haus. Seit dem Vormittag hat die Jury an diesem Freitag diskutiert, Pläne interpretiert und mit sich gerungen. Als sie dann endlich eine Entscheidung fällt, ist es sechs Stunden später als geplant. Heimlichtuereien gibt es dabei indes nicht, anders als beim Konklave: Die Jurierung ist öffentlich, jeder kann zuhören - ein Novum bei Architektenwettbewerben. Das ist spannend, weil man an diesem Tag als Laie viel darüber lernen kann, wie Architekten denken und arbeiten. Man sollte allerdings eine Ausdauer mitgebracht haben wie zu einem Marathonlauf.

Der Siegerentwurf stammt aus den Federn eines Büros aus Zürich, es wird das allererste Haus der drei jungen Architekten sein. "Zäh und schwierig" sei es gewesen, eine knappe, am Ende aber fast einstimmige Entscheidung, sagt Genossenschaftsvorstand Markus Sowa am Sonntag. "Wir sind sehr zufrieden." Das Ergebnis war überraschend, zu Beginn war der Entwurf nicht unter den Favoriten gewesen. Er zeigt ein Gebäude, das die Gemeinschaft in den Vordergrund rückt und eine starke Verbindung zum öffentlichen Raum herstellt. Mit offenen Wohnungen, die sich bei Bedarf bestimmte Räume mit anderen Wohnungen teilen.

Der Sieger für das Projekt an Heinrich-Böll- und Elisabeth-Mann-Borgese-Straße.

(Foto: Entwurf: ARGE Tim Schäfer und Pablo Donet Garcia/Tanja Reimer)

Es ist Freitagnachmittag. Pläne hängen an Stellwänden, ein Pulk von Menschen bewegt sich vor ihnen hin und her. 60 Architektenbüros hatten sich beworben, 14 von ihnen haben es mit ihren Entwürfen in die Endrunde geschafft. Es sind Entwürfe für den Sehnsuchtsort "San Riemo", wie die Genossen ihr Projekt liebevoll nennen: ein Haus für 100 Bewohner, mit Gemeinschaftsräumen und einer Ausbildungswerkstatt im Erdgeschoss. Er habe die Hoffnung, dass "die Argumente vor Publikum an Schärfe (und vielleicht auch an Schönheit) gewinnen", hat Christoph Hochhäusler ein paar Tage zuvor auf seinem Facebook-Account geschrieben. Der Regisseur der Berliner Schule gehört der siebenköpfigen Jury an, er soll der Architekten-Gruppe eine weitere Perspektive hinzufügen.

Also, wie soll es werden, das erste Wohnhaus der Kooperative Großstadt? Ein hoher Kasten mit runden Fenstern? Eher nicht. "Riem ist doch kein feindlicher Ort." Man ist sich einig: Dieses Haus würde wie ein Bunker wirken, der sich abschottet von der Außenwelt. Es ist nicht gerade die Botschaft, die eine Genossenschaft aussenden will. Es wird abgestimmt: ein roter Punkt, das Haus ist raus.

Der nächste Entwurf, bitte. Er zeigt eine Fassade aus Glas, die aussieht, als gehöre sie zu einem Bürogebäude. Der Jury-Vorsitzende Christian Inderbitzin, ein Schweizer Architekt, ist skeptisch. "Es braucht gute Gründe für ein Wohnhaus aus Glas." Vorerst bleibt der Entwurf aber im Rennen. Weiter geht es mit einer auffälligen türkisen und schwarz-weiß gestreiften Fassade. "Ist das ein Haus oder ein Bild?", fragt eine Jurorin. "Und versteh' ich das Bild in fünf Jahren auch noch?" Inderbitzin: "Ich versteh's jetzt noch nicht." Immer wieder an diesem Tag plädiert er aber dafür, sich auf Risiken und Experimente einzulassen. "Versucht ihr, dem nahezukommen, was wir schon haben? Oder wagt ihr etwas als junge Genossenschaft?"

Ausgiebig wurde über den Architektenentwurf für ihre geplante Wohnanlage diskutiert.

(Foto: Sascha Kletzsch)

Den Entwurf mit den Anspielungen auf die britische Fernsehserie "Downton Abbey" zum Beispiel findet Inderbitzin klasse. Die Architekten haben ihrem Entwurf Bilder beigefügt von einer Kaminhalle, umrahmt von hohen Bögen. Regisseur Hochhäusler dagegen ist entsetzt. Ein fatales Signal wäre es aus seiner Sicht, wenn die Genossenschaft ein Haus bauen würde, "das sich auf eine Adelsfamilie vom Beginn des 20. Jahrhunderts bezieht". Meinen die Architekten diesen Vorschlag wirklich ernst? Die Jury ist sich nicht sicher. Die künftige Bewohnerin Christina, die mit Ehemann und Sohn einziehen wird, hat ohnehin ganz andere Favoriten. Leicht würde ihr die Auswahl aber nicht fallen, sagt sie. "Bei manchen Entwürfen sind die Grundrisse sehr schön, aber die Fassade ist es nicht, und umgekehrt."

Durchgang für Durchgang werden nun rote Punkte verteilt. Nicht nur Fassaden und Grundrisse sind dabei ausschlaggebend, sondern auch Faktoren wie Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Effizienz. Ab 19 Uhr öffnen die Besucher erste Bierflaschen, es wird noch viele Stunden dauern bis zur Entscheidung. Erst eine Stunde vor Mitternacht rufen die Genossenschaftsvorstände in Zürich bei den Gewinnern an, "die waren genauso überrascht wie wir", wird Markus Sowa später sagen. Zum Ausruhen vom Jury-Marathon bleibt jedoch keine Zeit. "Jetzt werden wir uns mit den Architekten zusammensetzen und dann schauen, dass wir das Ganze schnell auf die Beine stellen." Damit die ersten Genossen in drei Jahren nach San Riemo ziehen können.

© SZ vom 17.07.2017

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