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100 Jahre Salesianer:Die Erben Don Boscos

Auf einem riesigen Campus in Haidhausen werden täglich mehr als tausend Kinder und benachteiligte Jugendliche betreut. Die Salesianer folgen dabei den pädagogischen Prinzipien ihres Gründers und bietet Geborgenheit, aber auch Freiräume

Das mit dem Augenkontakt war anfangs ziemlich schwierig. Wie so vieles schwierig war für den jungen Mann, als er nach Deutschland kam. Abdirahman Mohamoud Ahmed, kurz Abdi, ist 20 Jahre alt und in Somalia geboren. Dort müsse man, wenn man mit Älteren oder Frauen redet, immer wegschauen, erzählt Abdi. Er richtet seine Augen nach unten und blickt abwechselnd nach links und rechts, um es vorzumachen. Dass es hier eher unhöflich ist, wegzuschauen, sei für ihn eine gewaltige Umstellung gewesen. Und er hatte noch ganz andere Probleme. "Als ich neu hier war, mussten mir viele Leute helfen", sagt der junge Mann mit den schwarzen Locken. "Ich konnte gar nichts." Das ist heute anders.

Im Jahr 2013 kommt Abdi nach Deutschland - alleine, ohne Familie. Sein Vater ist zu Hause geblieben; seine Mutter hat er schon verloren, als er ein Kleinkind war. Anfangs kommt er in verschiedenen Heimen unter und wird intensiv betreut. So muss er etwa, wenn er einkaufen geht, die Quittungen vorlegen, um zu zeigen, wo und wofür er Geld ausgibt. Mit der Zeit wird er selbständiger und die Betreuung reduziert. Inzwischen ist er ganz schön selbstbewusst.

Der Campus Don Bosco befindet sich zwischen dem St.-Wolfgangs-Platz und der Auerfeldstraße in Haidhausen.

(Foto: Robert Haas)

Im roten Sportpulli und mit offener Körperhaltung sitzt er da, in einem kleinen Zimmer des Salesianums. Nachdem er seine Ausbildung zum Fachlageristen bei einem Lebensmittelunternehmen begonnen hatte, zog er vor etwa einem Jahr in das Jugendwohnheim. In der Einrichtung kommen 450 Jugendliche unter. Sie alle machen entweder eine Ausbildung oder gehen zur Schule. Die meisten von ihnen werden mal mehr, mal weniger umfassend pädagogisch betreut.

Das Salesianum ist das Herzstück des Campus Don Bosco, ein riesiges Gelände in Haidhausen. Hier war bis zum Jahr 1905 noch die Kreisirrenanstalt untergebracht. Heute gehört das Gelände den Salesianern Don Boscos, eine der größten römisch-katholischen Ordensgemeinschaften der Welt. Vor 100 Jahren kamen die ersten Salesianer nach München und erwarben später das Areal. Auf 30 000 Quadratmetern sind dort zahlreiche Einrichtungen verschiedener Träger angesiedelt, etwa ein Kinderhaus, eine Schülertagesstätte, ein Gästehaus und mehrere Schulen. Die Salesianer suchen sich genau aus, welche Institutionen Teil des Campus sein dürfen. Alles soll ein Ganzes bilden und zueinander passen. Die Mission: für Kinder und Jugendliche da sein, für sie einen Ort der Begegnung schaffen. Ganz im Sinne der Ideale, nach denen auch Ordensgründer Johannes Bosco lebte. Insgesamt bewegen sich jeden Tag weit mehr als 1000 junge Menschen auf dem gesamten Gelände.

Auf dem Areal sind ein Kindergarten und mehrere Schulen untergebracht.

(Foto: Robert Haas)

Benjamin Henn läuft durch die Gänge des Salesianums. Er ist der Erziehungsleiter der Einrichtung und will zeigen, wie die jungen Menschen, Mädchen und Jungen, sie mit Leben füllen. Er geht am Hallenbad und am großen Speisesaal vorbei und steigt die Treppenstufen hinauf, dorthin, wo sich früher einmal die Heimkirche befand. Bis zu 500 Menschen konnten hier Gottesdienste feiern. Henn blickt durch das Fenster in der großen Tür und sieht etwa 20 Jugendliche Fußball spielen. Die Wände sind durchbrochen von schmalen, hohen Fenstern, die an die frühere Funktion der heutigen Sporthalle erinnern. Oben auf der Empore, wo einst die Orgel stand, befindet sich nun ein Fitnessraum und eine Kletterwand. "Don Bosco hat schon vor 150 Jahren verstanden, dass ein Sportplatz Teil jeder Einrichtung sein muss", erklärt Henn. Das sei Bedingung für ein gutes Miteinander.

Henn steigt die Treppen wieder hinunter und gelangt zu den Freizeiträumen. In einem Zimmer tummeln sich mehrere Jugendliche und spielen Tischfußball. Aus dem Raum nebenan dringt laute Musik und das Klirren von Flaschen. In der "Sales-Lounge" ist heute Discoabend. Henn grüßt die Jugendlichen und läuft weiter. Ihm ist wichtig, dass sie hier ihren Spaß haben können, ohne ständig kontrolliert zu werden. Nicht anweisen und bestrafen, sondern motivieren und begleiten, erklärt Henn. Dies sei die Grundhaltung des Pädagogiksystems Don Boscos. Und so habe es ja auch bei Abdi geklappt.

Der junge Somalier gehört zu den selbstständigeren Bewohnern des Heims. Neben Azubis wie Abdi gibt es auch diejenigen, die intensiver oder einzeln betreut werden. Olivier ist in einer Wohngruppe untergebracht. Früher war der 17-Jährige mit den dunkelblonden Haaren in sich gekehrt, hatte Probleme in der Schule, mit Mobbing. Auch mit den Lehrern kam er nicht zurecht. Und seine Familie konnte ihm nicht die Unterstützung bieten, die er gebraucht hätte. "Ich hatte sehr oft Streit mit meinen Eltern", erzählt er. Irgendwann verschwand seine Mutter. Besser wurde es erst, als er in ein Internat mit intensiver Betreuung kam. "Da bin ich nach und nach selbstbewusster geworden", erzählt er und lächelt ein wenig stolz. Inzwischen hat er eine Ausbildung zum Automobilkaufmann angefangen. Vieles hat er schon erreicht. Die Ziele, die auf seinen Betreuungsplänen stehen, werden immer weniger, erzählt er. Irgendwann werde er es schaffen, alleine zu wohnen.

Auf der anderen Seite des Geländes, wo sich früher ein Park befand, erhebt sich nun die Casa Don Bosco. Sie umfasst eine Krippe, einen Kindergarten und einen Hort. Im dritten Stock des Kinderhauses schaut Pater Alfons Friedrich durch das Fenster. Von hier aus kann er den gesamten Campus überblicken. Pater Friedrich ist Salesianer und Leiter des Pfarrverbands Haidhausen. Er hat den Bau dieser Einrichtung initiiert. 14 Jahre habe es von der Idee bis zur Fertigstellung gedauert, erzählt der Mann mit dem weißen Bart und der randlosen Brille.

Auch ein Jugendwohnheim sowie ein Gästehaus sind auf dem Campus Don Bosco angesiedelt.

(Foto: Robert Haas)

Der Geistliche deutet hinaus. Unten liegt ein Basketballplatz mit grünem Belag, direkt gegenüber steht das Salesianum. Daneben sieht man eine kleine Kapelle und im Hintergrund, ganz im Norden, erhebt sich der Turm der Pfarrkirche St. Wolfgang. Friedrich macht einen Schritt zurück. "Das da drüben gehört auch noch dazu", sagt er und deutet durch ein anderes Fenster. "Da waren früher unsere Ausbildungsstätten." Bis Anfang der Siebzigerjahre konnten die Jugendlichen, die auf dem Gelände wohnten, bei qualifizierten Ordensbrüdern ausgebildet werden. Da gab es etwa den Schuhmacher, die große Druckerei oder die Buchbinderei.

Heute sind in den Gebäuden die Caritas Don Bosco Schulen untergebracht sowie die Schülertagesstätte Oratorium und ein Jugendgästehaus. Diesen Anblick hätte der Geistliche beinahe nicht mehr erlebt. Im Jahr 2016, kurz bevor der Bau des Kinderhauses beendet wurde, erlitt er einen Schlaganfall. Beinahe wäre er gestorben, erzählt Friedrich. Doch Gott habe wohl gewollt, dass er überlebe.

Warum er den Bau vorangetrieben habe, obwohl er so krank gewesen sei, fragt er rhetorisch. Jeder vierte Katholik habe sich laut einer aktuellen Studie von der Kirche entfremdet. Solche Entwicklungen seien Herausforderungen, denen man entgegentreten müsse, sagt Friedrich. Mit der Casa Don Bosco möchte er den Menschen etwas anbieten. Deshalb ist ihm so wichtig, dass das Kinderhaus von außen schön aussieht und die Kleinen sich innen austoben können. Damit sei für ihn ganz klar, warum Kirche heute noch relevant ist.

Pater Alfons Friedrich ist Salesianer und Leiter des Pfarrverbands Haidhausen. Er hat den Bau der Casa Don Bosco initiiert.

(Foto: Robert Haas)

Abdi jedenfalls sind die Salesianer eine große Hilfe, sagt er. Sie geben ihm einen Platz zum Wohnen, unterstützen ihn, wenn er alleine nicht weiterkommt. Nun müsse er sich nur noch auf seine Ausbildung konzentrieren, sagt Abdi. Wenn er die geschafft habe, wolle er den nächsten Schritt gehen und eine eigene Wohnung finden. "Mein großer Wunsch ist, irgendwann einmal in mein Heimatland zu fliegen, um meine Familie zu sehen", sagt er. "Es ist schon so lange her."