Japan:Das Spiel mit den Spielen

Opening Ceremony - Olympics: Day 0

Feuerwerk in einem leeren Stadion. Die Olympischen Spiele sind eröffnet.

(Foto: Lintao Zhang/Getty Images)

Ein globales Sportfest in einer globalen Gesundheitskrise, das passt nicht zusammen. Sei's drum, Olympia ist nun eröffnet - und Japan geht für zwei Wochen an seine Grenzen und darüber hinaus. Wofür nur?

Kommentar von Thomas Hahn

Die Bewegung gegen die Olympischen Spiele in Tokio lebte im Mai noch einmal auf. Die Medizin-Experten warnten besonders eindringlich. Es gab einzelne Petitionen und Demonstrationen. Die Zeitung Asahi bat den Premierminister Yoshihide Suga um die Absage. Und dass die Bürgerinnen und Bürger mehrheitlich gegen das Ereignis im zweiten Sommer der Pandemie waren, wusste man aus diversen Umfragen. Dann resignierten die Kritiker. Japans Regierung lavierte noch etwas herum. Wollte erst bis zu 10 000 Zuschauer in den Stadien mit Alkoholausschank. Dann ohne Alkoholausschank. Dann nur 5000 Zuschauer. Dann gar keine. Und jetzt geht es eben los nach der Eröffnung im leeren Nationalstadion.

Wer ist dieses Land, das dieses riesige Sportfest mitten in der globalen Gesundheitskrise veranstaltet? Japan macht seine Sportplätze ja nicht nur für ein Turnier mit 24 Mannschaften auf, wie es kürzlich bei der Fußball-EM stattfand. Bei Olympia starten etwa 11 000 Athletinnen und Athleten aus mehr als 200 Ländern in den verschiedensten Disziplinen. Weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit Sportarten wie 3x3-Basketball und Surfen jünger wirken will, aber nicht weiß, was es weglassen soll, sind es in Tokio sogar so viele wie noch nie: 33. Zum Gefolge der Spiele gehören Zehntausende Funktionäre, Trainer, Schiedsrichter, Medienschaffende, Volunteers. Die japanischen Veranstalter haben ausgeladen, wen sie ausladen konnten. Trotzdem ist das Ereignis noch sehr groß - ein Widerspruch zu allen Vorsichtsmaßnahmen, die der japanische Staat seinen Menschen in den eineinhalb Jahren der Pandemie selbst zugemutet hat.

"Tokio 2020" verschlingt 15,4 Milliarden Dollar. Alles klar?

Wer macht so was? Und warum? Yoshihide Suga hat abgestritten, man handle aus Stolz und wirtschaftlichen Gründen. Sondern: "Wir machen das, weil wir hier in Japan Maßnahmen ergreifen können, um Infektionen unter Menschen, die aus dem Ausland kommen, zu verhindern." Ach so? Dann hätten die Spiele keinen Sinn. Nur etwas zu tun, weil man es kann, mag eine geeignete Motivation für Hula-Hoop-Weltrekordler sein. Aber nicht für ein Projekt, das laut offiziellem Budget 15,4 Milliarden Dollar verschlingt.

Wenn Suga sagt, dass die Spiele der Nation inspirierende Erlebnisse bringen sollen, kann man das schon eher nachvollziehen. Bei Olympia 1964, den ersten in Tokio, war er 15, ein Bauernsohn in Akita, und kürzlich hat er erzählt, dass er damals sehr beeindruckt gewesen sei von den japanischen Volleyballerinnen, die unter ihrem Kampfnamen "Orientalische Hexen" die Goldmedaille gewannen: Japanische Menschen, die sich gegen größer gewachsene Ausländer durchsetzen - das hat damals sicher nicht nur die Moral des jungen Suga im sich aufrichtenden Nachkriegsjapan gestärkt.

Aber 57 Jahre später ist Japan ein anderes Land. Der Krieg ist für viele nur noch ein Mythos, den die rechtskonservative Politikelite gegen die allgemeine Geschichtsschreibung zu verteidigen versucht. Japan hat viel erlebt seit '64, unter anderem einen extremen Höhenflug, eine geplatzte Bubble-Economy, die Dreifach-Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Mit ultralockerer Geldpolitik und Wirtschaftsförderung robbte sich Japan wieder nach oben. Olympia war als Konjunktur-Beschleuniger eingeplant. Dann kam die Pandemie, und jetzt kann man den ursprünglichen Spiele-Plan eben nicht einfach kippen. Es geht ums Geld, klar.

Ohne Pandemie ein grandioses Geschäft. Mit Pandemie herrscht Not

Die Marke Olympia spielt mit der Illusion, dass es ständig nur um große abstrakte Begriffe geht, um Hoffnung, Solidarität, Einheit, solche Sachen. Und das kommerzielle Gewissen der japanischen Gesellschaft, die Werbeagentur Dentsu, ein langjähriger Marketingpartner des IOC, bedient ihre historisch gewachsenen Netzwerke ja auch immer eher diskret. Aber die finanziellen Aspekte dieses unbeliebten Festes sind unübersehbar.

Dentsu ist so etwas wie die unumstrittene Moderatorin der Japan Inc. oder Japan AG, also des zentralisierten japanischen Wirtschaftsklüngels, in dem alle immer das Beste fürs Land wollen. Dentsu hält Regierungspolitiker, Firmen und Medien zusammen und war damit lange ein Schrittmacher des japanischen Wohlstands. Olympia 2020 hatte Dentsu in Japan auch wieder durchvermarktet, bei 68 nationalen Firmen, darunter fünf Medienhäusern, die Rekordsponsorensumme von mehr als drei Milliarden Dollar eingeholt und teure Werbezeit verkauft. Ohne Pandemie wäre das ein grandioses Geschäft geworden. Mit Pandemie herrscht Not. Es gibt Japan-Kenner, die sagen, eine Olympia-Absage hätte Dentsu wohl in die Pleite gestürzt. Solange die Spiele stattfinden, kann Dentsu wenigstens behalten, was es schon verkauft hat.

Japans Klüngel sieht aus wie ein Auslaufmodell

Die Frage ist, was folgt. Spiele ohne Zuschauer und mit täglichen Corona-Fällen bringen keine ungetrübten Erfolge, selbst wenn der Infektionsschutz ordentlich läuft. Das Land selbst hat wenig von den Spielen. Die großen Firmen distanzieren sich. Die Harmonie, die Japans Machtzirkel sonst zusammenhält, scheint gestört zu sein. Gleichzeitig spüren Japans Weltfirmen längst, dass die konservative japanische Art, sich vor allem auf sich selbst zu besinnen, in einer globalisierten, zunehmend digitalisierten Welt nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

Olympia muss Japans wichtigsten Wirtschaftsführern wie eine Verschwendung vorkommen. Japans Klüngel sieht aus wie ein Auslaufmodell. Gut möglich, dass diese Spiele der Anfang vom Ende der Japan Inc. werden. Dass sie zumindest eine Wende einleiten. Es wäre ein gutes Vermächtnis. Japans Gesellschaft braucht mehr Vielfalt und mehr Wettbewerb.

Aber jetzt ist erst mal Olympia. Japans Regierung muss hoffen, dass sie die Kontrolle behält über das Coronavirus. Ihre Spiele dürfen am Ende nicht als die tödlichsten in die Geschichte eingehen. Und die Fernsehzuschauer im Rest der Welt sollten nicht vergessen: Für ihr zweiwöchiges Sportamüsement geht der Inselstaat Japan an seine Grenzen. Vielleicht sogar darüber hinaus.

© SZ/kus
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