Aktuelles Lexikon:Beleidigte Leberwurst

Der Ausdrück gründet in einer antiken Vorstellung, trotzdem ist man damit nun rasch beim ukrainischen Botschafter.

Von Paul Munzinger

Wer Leberwurst und Blutwurst in scheinbarer Gleichgültigkeit nebeneinander in der Auslage beim Metzger liegen sieht, ahnt nicht, in welch spannungsreicher, ja emotional explosiver Beziehung die beiden tatsächlich zueinander stehen. In einem Märchen der Brüder Grimm ("Die wunderliche Gasterei") entkommt die Leberwurst nur knapp einem Mordanschlag der Blutwurst, während ein Wiener Volkslied die Liebesgeschichte einer Leberwurst und einer Blunzen erzählt. Sie endet tragisch, weil die Würste in zwei unterschiedlichen Mägen enden, für immer getrennt. Und dann ist da natürlich noch die Leberwurst, die vor Wut platzt, weil die Blutwurst vor ihr aus dem Kochtopf geholt wird. Sie ist mutmaßlich die Urahnin aller beleidigten Leberwürste, wobei sich die hübsche Erzählung dabei mit der antiken Vorstellung vermengt, dass die Leber der Sitz der menschlichen Gefühle sei - verewigt etwa in der Redewendung von der Laus, die jemandem über selbige läuft. Zuerst gab es also die beleidigte Leber, dann die beleidigte Leberwurst. Eine solche zu spielen sei nicht sehr staatsmännisch, befand nun der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. Und meinte damit Bundeskanzler Olaf Scholz, der zuvor erklärt hatte, wegen der Ausladung des Bundespräsidenten vorerst nicht nach Kiew reisen zu wollen.

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