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Klimakrise:Die Gefahr ist seit Jahrzehnten bekannt

Neben der Bekämpfung des Klimawandels sollten schleunigst auch Vorkehrungen getroffen werden: Beispielsweise Versickerungsareale schaffen, die Wasser aufnehmen, anstatt immer mehr Flächen zu versiegeln.

(Foto: AFP)

Der Klimawandel hat die jüngsten Unwetter nicht verursacht, aber er macht solche extremen Ereignisse wahrscheinlicher. Die Politik hat Warnungen ignoriert - jetzt gilt es, schleunigst zu handeln.

Kommentar von Marlene Weiß

Viel Zeit blieb nicht, um erleichtert zu sein, dass der Sommer 2021 nach drei langen Dürrejahren endlich mal wieder nasser ist: Die verheerenden Unwetter im Westen Deutschlands haben jeder Freude über den Regen dort ein schnelles Ende bereitet. Und wie es so ist, wenn Menschen sterben, viele Haus, Hab und Gut verlieren: Noch bevor die Aufräumarbeiten richtig begonnen haben, ist die Suche nach dem Schuldigen im Gang.

Aber ein wirklich befriedigendes Ergebnis kann sie in diesem Fall kaum liefern. An Warnungen bestand jedenfalls kein Mangel: Anders als Gewitter sind Ereignisse wie das jüngste relativ gut vorherzusagen. Der Deutsche Wetterdienst hatte gesehen, was da drohte, und weiträumig die höchste Warnstufe ausgerufen. Letztlich kam es einfach ungefähr so schlimm wie befürchtet, ein solches Unwetter ist ein Jahrhundertereignis. Vielerorts fiel innerhalb von zwölf bis 24 Stunden die Regenmenge, die sich sonst über zwei Monate verteilt.

Wenn man denn wirklich eine Hauptschuld zuweisen will, dann landet man wie so oft bei zweien, die nur schlecht strafrechtlich zu belangen sind: Der eine ist der Zufall - seltene, extreme Unwetter hat es immer gegeben, wenn sie kommen, dann kommen sie eben. Der andere ist der Klimawandel, nicht allein verantwortlich, aber doch Komplize. Die Daten zeigen inzwischen für Deutschland, was lange nur eine Prognose war: Starkregen fällt bereits häufiger und heftiger, die Erwärmung der Erde hat Unwetter wie dieses wahrscheinlicher gemacht. Aus physikalischer Sicht ist das wenig überraschend, wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen - und wo mehr ist, da kommt auch mehr herunter.

Wenn der Jetstream schwächelt

Hinzu tritt ein Effekt, der auch jetzt wieder zu beobachten war: Der Jetstream, das Band von Höhenwinden, das normalerweise Hochs und Tiefs von West nach Ost über den Planeten treibt, scheint immer mehr zum Schwächeln und Mäandrieren zu neigen. Das dürfte daran liegen, dass die rasante Erwärmung der Arktis den Temperaturgegensatz zwischen Nord und Süd verringert, der den Jetstream antreibt. Das Ergebnis ist, dass Tiefs wie jetzt Bernd sich festsetzen und immer neue Regenmassen heranschaufeln. Aus einem kurzen Starkregen wird dann ein Dauerregen, der alles unter Wasser setzt.

Es hilft leider nichts, sich zu beschweren, dass einem das alles nicht gefällt, der Schaden ist angerichtet. Die Gefahr war seit Jahrzehnten bekannt, nichts davon kommt überraschend, auch wenn manche Politiker die Klimakrise gerne als etwas darstellen, was man nun wirklich nicht vorhersehen konnte. Jetzt gilt es, schleunigst zu klären, wie die Emissionen endlich schnell und dauerhaft sinken können - das wäre Aufgabe dieser Bundesregierung gewesen, aber sie hat es am Ende doch galant der nächsten überlassen.

Und nicht nur staatliches Handeln ist überfällig, sondern auch Hausbesitzer müssen und können etwas tun: Eine häufige Ursache für Starkregenschäden sind fehlende Rückstausicherungen, die verhindern, dass Abwasser ins Haus drückt. Wasser- und druckdichte Türen und Kellerfenster können helfen, wenn man in der Nähe eines Gewässers wohnt. Städte sollten schleunigst zu "Schwammstädten" werden, die weniger Flächen versiegeln und zubetonieren und stattdessen Versickerungsareale schaffen, die Wasser aufnehmen. Die tragen auch zur Kühlung bei, wenn Hitzewellen zuschlagen, die übrigens viel tödlicher sein können als Unwetter. Es war schlimm genug, den Klimawandel zuzulassen. Es macht die Sache nicht besser, ihn jetzt zu ignorieren.

© SZ
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