Idar-Oberstein:Und wo bleibt Seehofer?

Der tödliche Schuss durch einen Maskenverweigerer markiert einen schwarzen Tag

Kommentar von Nils Minkmar

Der tödliche Schuss auf den Mitarbeiter einer Tankstelle in Idar-Oberstein, der auf der Einhaltung der Maskenpflicht bestand, ist ein schwarzes Datum in der Geschichte der Radikalisierung von Corona-Leugnern und Maskenverweigerern. Es war schon seit Längerem zu beobachten, dass sich sogenannte Querdenker in ihrem Hass steigern, den sie längst nicht mehr nur digital, sondern auch verbal und handgreiflich gegen Beschäftigte der Bahn sowie der Polizei äußern. Die politische Reaktion darauf muss man allerdings mit der Lupe suchen.

Das sanftmütige Verständnis für sie dominiert nun schon viel zu lange. Man hat es hier nicht mit "Sorgen der Menschen zu tun", sondern zum Teil mit organisierter Militanz. Es ist nicht zu akzeptieren, dass Wissenschaftler und Politikerinnen mittlerweile Polizeischutz gegen diese Szene brauchen. Gegenüber der Entschlossenheit von etlichen "Querdenkern" herrscht ein gefährlicher Mix aus Ignoranz und Toleranz, der Wahnvorstellungen in dieser Bewegung nur inspiriert. Besonders erschütternd sind Abgeordnete, die, wie Sahra Wagenknecht, Hubert Aiwanger und Alice Weidel, im Nebel des Ungefähren wandeln, als sei es unklar, ob die Krankheit ihrer Bekämpfung vorzuziehen ist.

Selbst nach diesem Tötungsdelikt bleibt es bei blassen Stellungnahmen aus der Ferne. In Fällen von migrantischer Kriminalität, von islamistischem Terrorismus oder linksextremer Gewalt markiert Innenminister Horst Seehofer gerne den harten Kämpfer, den Abschieber und moralischen Mahner. Doch im Kampf gegen diese rechte, radikale und gewaltbereite Bewegung ist nichts von ihm zu sehen oder zu hören. Die "Querdenker", ihre Wortführer, digitalen Gruppen und diversen Gefolgsleute, die die Tat nun im Netz sogar bejubeln, müssen aber erkennen, dass der Konflikt nun eine neue Qualität bekommen hat: dass sie auf eine Zivilgesellschaft und einen Staat treffen, die ihnen geschlossen Einhalt gebieten.

© SZ
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