Chile:Entweder er - oder ein Jünger von Pinochet

Chile: Ein Linker, aber anders als die anderen Linken in Chile: Gabriel Boric, 35, Präsidentschaftskandidat.

Ein Linker, aber anders als die anderen Linken in Chile: Gabriel Boric, 35, Präsidentschaftskandidat.

(Foto: POOL/REUTERS)

Gabriel Boric, aussichtsreicher Linker bei der Stichwahl ums Präsidentenamt am Sonntag.

Von Christoph Gurk

Geht es um Gabriel Boric, 35, wird gerne mal übertrieben: Er sei direkt vom Studentenführer zum Präsidentschaftskandidaten aufgestiegen, heißt es dann zum Beispiel. Oder: Boric sei ein linker Extremist, ein Kommunist und sollte er an diesem Sonntag die Stichwahl in seiner Heimat gewinnen, würde dies das Ende jenes Chiles bedeuten, wie man es zuletzt kannte - aufstrebend und erfolgreich, mit glitzernden Bürohochhäusern vor den schneebedeckten Gipfeln der Anden.

Die Wahrheit sieht nun aber ein wenig anders aus. Das fängt schon mit dem wirtschaftlichen Aufschwung an. Denn auch wenn Chile zuletzt boomte wie kaum ein anderes Land der Region, so kam der neue Wohlstand längst nicht bei allen an. Während eine kleine Elite selbst in der Pandemie noch ihr Vermögen vergrößerte, drohen immer mehr Menschen in die Armut abzurutschen. Der Staat zeigt sich kaum, selbst die Wasserversorgung ist privatisiert.

Schon 2019 kam es wegen all dem zu heftigen Massenprotesten, und viele derer, die damals auf die Straße gingen, dürften nun Gabriel Boric wählen. Er verspricht, die himmelschreienden Unterschiede zwischen privatem und öffentlichem Gesundheitssystem zu reduzieren und Schluss zu machen mit den exorbitanten Krediten, die junge Chilenen für ihr Studium aufnehmen müssen. Boric steht für einen starken Staat, abschaffen will er ihn ganz und gar nicht. Er ist kein Extremist, sondern eher ein Sozialdemokrat, und dazu vor allem auch noch Politikprofi. Und trotz seiner erst 35 Jahre ist sein Aufstieg eben nicht die Geschichte eines Studentenführers, der urplötzlich zum Präsidentschaftskandidaten geworden wäre. Im Gegenteil.

Gabriel Boric Font stammt aus Punta Arenas, einer kleinen Stadt in Magallanes, der südlichsten Region Chiles, dort, wo der amerikanische Kontinent ins windumtoste Meer ausfranst: Fjorde, Gletscher, Pinguine. Schon in der Schule engagierte er sich politisch. Später, an der Uni, wurde er dann zum Studentenführer, mit Bart und erhobener Faust. 2013 zog er ins Abgeordnetenhaus ein, gewählt als unabhängiger Kandidat.

Er schreibt sehr offen über seine Aufenthalte in der Psychiatrie

Boric hat die gemäßigte chilenische Linke genauso kritisiert wie die Parteien und Politiker vom linken Rand. Letztere sind Boric zu extrem, weil sie autoritäre Regime in Venezuela oder Nicaragua unterstützen; erstere wiederum gehen ihm nicht weit genug in ihren Forderungen.

Vor allem bei jungen Chilenen ist Boric beliebt. Im Netz hat er Fotos von seinen Terminen beim Tätowierer gepostet, und er schreibt dort auch offen über seine Zwangsstörungen und Aufenthalte in der Psychiatrie. Boric steht ganz selbstverständlich für Gleichberechtigung und will dazu noch den Umweltschutz vorantreiben, beides keine leichten Unterfangen in einem Land, das in großen Teilen immer noch sehr konservativ ist und dazu auch noch hauptsächlich von seinen natürlichen Reichtümern lebt, von riesigen Kupferminen, endlosen Avocado-Plantagen, gigantischen Staudämmen.

Am Sonntag tritt Boric gegen José Antonio Kast an, Sohn eines Wehrmachtsoffiziers, streng katholisch, erzkonservativ. Kast hat einen Großteil seiner politischen Laufbahn in der Unión Demócrata Independiente verbracht, einer rechten Partei, die noch unter Augusto Pinochet gegründet wurde. Wäre der Diktator noch am Leben, würde er ihm seine Stimme geben, sagte Kast vor ein paar Jahren. Er ist für einen schlanken Staat, gegen Abtreibungen, gegen eine Reform der immer wieder in Gewaltexzesse verwickelten Polizei. Kurz: Kast steht für all das, was Gabriel Boric ändern will.

In der erste Runde der Präsidentschaftswahlen lag Kast knapp vor Boric. Seitdem haben beide Kandidaten massiv um Wähler vor allem aus der Mitte gebuhlt. Wer gewinnen wird, ist vollkommen offen. Nur eines ist klar: Chile steht vor einer historischen Richtungswahl. Sagt man ja oft vor Wahlen, irgendwo auf der Welt. Aber in diesem Fall stimmt's.

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