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Österreich:Ein ungewöhnlicher Rücktritt

Gesundheitsminister Anschober trägt mit seiner Ehrlichkeit dazu bei, Erschöpfung in der Politik das Stigma zu nehmen.

Von Cathrin Kahlweit

Dass einem Minister bei seiner Rücktrittserklärung die Stimme bricht und Menschen vor dem Fernseher mitweinen, ist eine Seltenheit in einer Demokratie, in der Politikern Zynismus und Verachtung entgegenschlägt und in der diese Politiker oft genug von ihren Parteien oder Ämtern verschlissen werden. Der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober hat nun in einer ungewöhnlich emotionalen, sich selbst nicht schonenden Erklärung mitgeteilt, er könne nicht mehr. 14 Monate ohne Pause, eine globale, schwer zu bewältigende Pandemie, Attacken vom Koalitionspartner - das war für den als integer und loyal bekannten Politiker zu viel.

Seine Person und sein Rücktritt sind doppelt interessant: Anschober, der bereits vor Jahren einen Burnout hatte, trägt mit seiner Ehrlichkeit dazu bei, Krankheit und Erschöpfung in der - oder besser durch die - Politik das Stigma zu nehmen. Viel zu wenig wird darüber geredet, dass die Herausforderung eines öffentlichen Amts höllisch und Respekt für persönliche Opfer selten ist.

Außerdem berichtete der Minister von Morddrohungen; die Wut von Gegnern der Corona-Politik hat sich an ihm entladen. Die Krise fordert allen viel ab, auch Anschober hat Fehler gemacht. Aber Hass statt konstruktive Kritik zerstört Menschen und letztlich die Gesellschaft.

© SZ/fzg
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