Widerstandskämpfer Ahmad Massoud:Wie einst sein Vater

Widerstandskämpfer Ahmad Massoud: "Unser gemeinsamer Kampf ist bedeutender denn je": Ahmad Massoud, im März 2021

"Unser gemeinsamer Kampf ist bedeutender denn je": Ahmad Massoud, im März 2021

(Foto: JOEL SAGET/AFP)

Auch der Sohn des afghanischen Helden Ahmad Massoud fordert die Taliban heraus.

Von Joachim Käppner

Er hat die scharfen Gesichtszüge des Vaters, er trägt dessen Namen, vor allem aber scheint er nun aus dessen übermächtigen Schatten herauszutreten und dessen historische Rolle einzunehmen: als letzter Gegner der Taliban in Afghanistan. Ahmad Massoud, geboren 1989, aus dem Volk der Tadschiken sammelt in der natürlichen Bergfestung des Pandschirtals möglichst viele zum bewaffneten Widerstand gegen die Islamisten. Sein wichtigster Verbündeter ist Vizepräsident Amrullah Saleh, der wohl per Helikopter zu Massoud entkam, als die Taliban in Kabul einmarschierten. Auch Tausende Soldaten der Armee und der Spezial Forces sollen sich dorthin ins Gebirge gerettet haben. Massoud weiß: Je breiter seine Allianz wäre, desto geringer die Gefahr, dass sein Kampf als Sache allein der tadschikischen Minderheit wahrgenommen wird.

Ob das nun ein letztes Aufbäumen der Talibangegner ist oder der Beginn ernsthaften militärischen Widerstandes: Die Taliban haben zumindest einigen Grund, den Gegner ernst zu nehmen. Ahmad Massoud ist der Sohn des legendären "Löwen vom Pandschir", des in vielen Landesteilen noch immer tief verehrten Widerstandshelden gegen die Sowjets und später gegen die Taliban. Während ihrer ersten Herrschaft 1996 bis 2001 konnten die militanten Islamisten seine Rückzugsbastionen nicht bezwingen, aber sie schalteten ihren gefährlichsten Feind nur wenige Tage vor 9/11 durch Selbstmordattentäter aus. So fehlte dem neuen Afghanistan seine bedeutendste Integrationsfigur, die nun sein Sohn werden möchte.

Die Taliban als Gefahr für die ganze Welt, das darf sich Massoud zufolge nicht wiederholen

Mitten im Kollaps des vom Westen allein gelassenen Staates zeigt sich Massoud jr. als potenzieller Anführer. Nach der Ermordung des Vaters ging die Familie in den Iran, Ahmad Massoud studierte an der Militärakademie Sandhurst und machte in London den Master in internationaler Politik. Schon 2020 trat er als scharfer Kritiker des Friedensabkommens von Doha auf - sein Argument: Die Trump-Administration liefere damit Afghanistan und dessen Zivilgesellschaft den Taliban aus. Genau so ist gekommen.

Nun bietet Massoud sich der freien Welt als ihr Mann am Hindukusch an: "Der Kampf der Mudschaheddin gegen die Taliban beginnt jetzt", schrieb er in einem Gastbeitrag für die Washington Post, "aber wir brauchen Hilfe." Der mitten in die Empörung in den USA über die Schmach von Kabul wohlplatzierte Artikel ist von einigem strategischen Weitblick, geschickt erinnert er an gemeinsame Werte.

Massoud, wie er schreibt, war neun Jahre alt, als der Vater seine Getreuen in einer Höhle des Pandschirgebirges sammelte und zum Durchhalten aufrief. Das war 1998, die Lage ähnlich übel wie heute: Die Taliban beherrschten fast das gesamte Land. Aber eben nicht das ganze. Mit im Felsenversteck saß der Philosoph Bernard-Henri Lévy, Verehrer und Freund Massouds. Der Franzose, so schildert es der junge Massoud, habe die Krieger des Pandschir beschworen: "Wenn ihr für eure Freiheit kämpft, kämpft ihr auch für unsere Freiheit."

Er sollte recht behalten, denn die Taliban waren als Gastgeber der al-Qaida eine Gefahr für die Welt, wie die Terroranschläge in New York und Washington traurig bewiesen. Das dürfe sich niemals wiederholen, mahnt Ahmad Massoud jetzt in seinem Hilferuf: "Unser gemeinsamer Kampf ist bedeutender denn je in diesen dunklen Tagen."

Diese Hilfe wird er dringend brauchen, so wie sein Vater es auch tat, Geld, Waffen und moralische Unterstützung, um den Widerstand gegen die Taliban zu befeuern. Ob er sie erhalten wird und von wem, ist höchst ungewiss. Eben darum nimmt er nun die Rolle des Verteidigers westlicher Werte ein, der Freiheit des Einzelnen, der Rechte der Frauen; Massoud zitiert sogar den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der Amerika im Zweiten Weltkrieg als "das Arsenal der Demokratie" bezeichnet hatte. Dem alten Löwen ist nun ein junger gefolgt. Aber niemand kann wissen, für wie lange.

© SZ
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