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Zur Misere der Öffentlich-Rechtlichen:Es geht um starke Minderheiten

Intendantenfernsehen zeichnet sich durch die Einfachheit und Klarheit der Ideen aus. Intendantenideen lassen sich in aller Regel mit einem Wort markieren: Jauch, Kerner, Pilawa, Illner, Will, Lanz, Plasberg, Maischberger, Fußball-Bundesliga, Champions League, Olympia, Skispringen, Gottschalk. Man braucht dazu keine Kenntnisse, die über das hinausgehen, was einem normalen Programmbeobachter auch einfallen könnte. Man braucht nur Geld, nicht selten ziemlich viel Geld. Das macht die Sache so prekär.

Nun könnte man die Intendanten fragen, warum sie, wenn sie die Redakteure schon nicht nötig haben, diese nicht entlassen. Aber so einfach ist das ja nicht. Da gibt es Verträge, und die Intendantenideen müssen doch verwaltet werden. Darin steckt das eigentliche Elend des gegenwärtigen Systems: Diese Redakteure sind in die Sender gekommen, weil sie dachten, ihre Ideen verwirklichen, ihre Kreativität ausleben, die Programme machen zu können, die sie im Kopf hatten. Sie waren voller Elan, um dann mehr und mehr zu erkennen, dass gerade das nicht gewollt war, dass man sie für das, was sie gelernt, sich ausgemalt hatten, nicht mehr brauchte. Aber ein Sender lebt von der Vitalität seines kreativen Personals. Wenn diese Kräfte erstickt werden, muss man sich nicht wundern, wenn Erstarrung die Folge ist.

Die Intendanten haben ihr Ziel erreicht. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich im Wettbewerb mit den Privaten behauptet. Gemessen an internationalen Standards ist es, wenn man die gegenwärtige Situation in den USA ausnimmt, immer noch ziemlich gut. Man würde es auch in der heutigen Verfassung nicht missen wollen. Aber was ihm fehlt, sind die Überraschungsmomente, sind Kühnheit, Frische, Provokation, Irritation, ist die Vielfalt an Neuigkeiten, die nur in einem Klima entstehen kann, das solche Biotope begünstigt. Davon sind die Sender in ihrem jetzigen Zustand weit entfernt. Kann man das ändern? Gibt es die Chance für eine Renaissance eines Fernsehens, das von denen gestaltet wird, die dafür vorgesehen sind und die, was man nur hoffen kann, dafür immer noch brennen?

Das Mantra der Intendanten ist die Mehrheitsfähigkeit. Nur dann, so ihre nicht unberechtigte Sorge, werden sie den Anspruch auf Gebühren aufrechterhalten können, wenn sie im Wettbewerb mit den Privaten bestehen. Aber steckt in dieser Quotenhörigkeit nicht längst ein Missverständnis? Um Mehrheiten geht es doch schon lange nicht mehr. Selbst im Hauptabendprogramm ist man doch mit vier bis fünf Millionen Zuschauern gut bedient. Das kann man aber, wie sich erst kürzlich zeigte, auch mit einem schwierigen Schwarz-Weiß-Film wie Das weiße Band erreichen. Es geht also immer nur um mehr oder weniger große Minderheiten. Nicht zuletzt darin unterscheidet sich die jetzige Situation von der in der Monopolzeit.

ARD und ZDF haben sich in ihrem generellen Programmangebot auf eine relativ große, zuverlässige Minderheit fokussiert, die über 60-Jährigen. Das sichert ihnen einen festen Bestand. Damit haben sie sich nicht nur von der Jugend verabschiedet, sondern auch von jener gebildeten Mittelschicht, aus der sich die Meinungsmacher rekrutieren. Das ist, wie sich zeigt, nicht ungefährlich. Es sollte auch die von ihrem einsilbigen Ideenangebot faszinierten Intendanten nicht gleichgültig lassen. Auf die Dauer werden sie die Angriffe ohne Verluste an der Gebührenfront nicht aussitzen können.

Günter Rohrbach, 82, war in den 70er Jahren WDR-Fernseh- und Unterhaltungschef, er leitete in den 80ern die ARD-Produktionstochter Bavaria. Als Produzent war er an dem Welterfolg Das Boot beteiligt. In der kommenden Woche läuft sein neuer Kinofilm an: Hotel Lux .

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