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Streit um SWR-Dokumentation:Unklar und unscharf

Nominiert für den 57. Grimme-Preis 2021 in der Kategorie Info & Kultur

Szene aus "Die Unbeugsamen", Dokumentarfilm von Marc Wiese über Maria A. Ressa, die Mitgründerin, Geschäftsführerin und Chefredakteurin des Nachrichtenportals Rappler Online.

(Foto: SWR)

Wie die "Zeit" den Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen" und dessen Regisseur kritisiert.

Von Claudia Tieschky

In ihrer aktuellen Ausgabe bringt die Zeit ein Interview mit der inzwischen berühmten Filmemacherin Elke Lehrenkrauss. Mit ihrem Film Lovemobil über Prostituierte an Niedersachsens Landstraßen hat Lehrenkrauss die Dokumentarfilmbranche entsetzt, denn ihre Protagonistinnen waren Freunde und Bekannte, die inszenierten, was Lehrenkrauss recherchiert hatte. Das Problem: Sie hatte diesen Umstand nicht gekennzeichnet, der federführende NDR machte das öffentlich und distanzierte sich.

Einige Seiten später bescheinigt die Zeit einem anderen Dokumentarfilm "Gefährliche Unschärfen". Es handelt sich um die Die Unbeugsamen von Marc Wiese. Zum zweiten Mal. Schon in der Ausgabe der Vorwoche hatte die Zeit - hauptsächlich gestützt auf Aussagen von Mitarbeitern Wieses - Vorwürfe gegen die Integrität des Films und des Regisseurs erhoben, der sich vor Gericht dagegen wehrt. Im ersten der Texte wurde Die Unbeugsamen direkt in einen Zusammenhang mit dem gefälschten Lovemobil-Film gerückt. Und obwohl die beiden Fälle vollkommen anders liegen, sollen sie offensichtlich mit erstaunlichem Nachdruck ins gleiche Nadelöhr gefädelt werden.

Die wichtige Frage lautet, wer denn nun das Interview mit dem Auftragskiller geführt hat

Die Unbeugsamen schildert den riskanten Kampf der Journalistin Maria Ressa und ihres Online-Nachrichtenportals Rappler auf den Philippinen um freie Berichterstattung, bedroht von Präsident Rodrigo Duterte und seinen Anhängern. Wiese, Jahrgang 1966 und preisgekrönter Filmemacher, lässt im klassischen Dokustil Protagonisten zu Wort kommen, darunter einen Auftragskiller, der mit vermummtem Gesicht und Pistole aus dem Gebüsch auf eine Weide tritt, auf der ein Interview stattfindet. Ein gespenstischer Auftritt. Wie im ganzen Film ist kein Reporter im Bild, die Kamera hält auf den Gesprächspartner, von den Filmemachern sind nur die Fragen zu hören, in der deutschen Fassung ist die Übersetzung darübergelegt, ein Voice-Over. Vor allem an dieser Stimme entzündet sich nun der Streit. Es geht um die Frage, von wem der Vermummte interviewt wurde. Aber beginnen wir von vorn.

Den Killer befragten vor Ort, so weit ist das unstrittig, Wieses damaliger Kompagnon bei dem Film, Carsten Stormer, und ein lokaler Producer, Frederick Alvarez. Stormer und Wiese hatten später Differenzen, Stormer stieg aus dem Filmprojekt aus. Die Stimme, die in der Doku die Fragen aus dem Off beim Killer-Interview spricht, ist nun die von Marc Wiese. Aber ist das wichtig? Täuscht der Film dem Zuschauer tatsächlich vor, Wiese sei bei dem Gespräch dabei gewesen, wie es die Zeit behauptet?

Der redaktionell zuständige SWR findet: "Der Film selbst suggeriert nicht, dass der Autor vor Ort gewesen ist." Arbeitsteilung sei beim Drehen üblich, Wiese habe zur selben Zeit in Manila am Film gearbeitet. Der Produzent, Oliver Stoltz, habe den SWR informiert, dass Stormer nach seinem Ausscheiden in der Produktion nicht mehr vorkommen wolle. "Der Produzent hat sodann entschieden, dass Marc Wiese die Fragen einspricht." Der Sender werde dennoch nochmals prüfen, ob ein irrtümlicher Eindruck entstehen könnte.

Hinter den Kulissen der Produktion hat es offenbar Ärger gegeben

Auch bei anderen von Stormer und Alvarez in der Zeit erhobenen Anschuldigungen stellt sich der SWR klar hinter die Produktion, die von der Dokumentarfilm-Expertin Gudrun Hanke-El-Ghomri betreut worden ist. Wiese habe, so wird Alvarez in der Zeit zitiert, die Aussage des Killers verfälscht und damit möglicherweise ihn, den Mann vor Ort, gefährdet. Auch mit anderen Leuten sei Wiese nicht verantwortungsvoll genug umgegangen, lautet ein anderer großer Vorwurf der Zeit. Erst auf Druck von Anwälten seien Passagen entfernt worden, die Menschen gefährdet hätten. Hinter den Kulissen der Produktion hat es offenbar Ärger gegeben. Aber rückt das den Film in Fake-Verdacht?

Der SWR teilt dazu mit, der Redaktion liege die Übersetzung des von Stormer gelieferten Interviews ins Englische vor. In den Passagen, die für den Film verwendet wurden, lasse sich bislang keine Verfälschung erkennen. Eine weitere Überprüfung stehe an. Protagonisten, die erst ausdrücklich und schriftlich mit dem Dreh einverstanden gewesen seien, habe man nach deren Sinneswandel aus dem Film genommen.

Dass Wiese den Eindruck erzeugt habe, das Killer-Interview selbst geführt zu haben, wollte die Zeit zunächst auch in einem Interview erkennen, das Alvi Suroosh, Gründer des Portals Vice, im Zusammenhang mit den Unbeugsamen mit Wiese führte. Dort habe Wiese sich gebrüstet, er sei von dem lokalen Producer vor dem Interviewpartner mit der Pistole gewarnt worden, er solle ihn besser nicht reizen. "Wenn du ihn zu sehr angreifst, wird er dich mit seiner Waffe angreifen. Und ich dachte, ein falscher Satz, und der Typ tötet mich." Das klingt nach jemandem, der die Begegnung mit dem Killer wie eine Trophäe vorzeigt.

Wiese sagt, man habe ihm nicht ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben

Wiese sagt, er habe nie behauptet, vor Ort gewesen zu sein. Die Passage sei von Vice durch einen Schnittfehler aus dem Zusammenhang gerissen worden. In Wirklichkeit habe er über Dreharbeiten in Uganda gesprochen. Das ist als Erklärung zwar schwergängig, wird aber von Wiese mit Mailwechseln gestützt, in denen Vice den Fehler einräumte. Der Zeit habe er, sagt Wiese, schon vor deren erster Veröffentlichung davon berichtet. Überhaupt habe man ihm nicht ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Er geht juristisch gegen die Zeit vor und zieht deren journalistische Sorgfalt in Zweifel. Warum veröffentlicht die Zeit diese Vorwürfe dennoch?

Der Anwalt der Zeit teilte der SZ mit, "es bleibt eben dabei, dass dem Zuschauer gegenüber der Eindruck vermittelt wird, Herr Wiese habe das Interview mit dem Auftragskiller persönlich geführt". In einer Passage des Gesprächs mit Vice spreche Wiese auch davon, dass ihn der örtliche Produzent in Kontakt mit dem Auftragskiller gebracht habe, das erwecke den Eindruck eines persönlichen Kontakts. Vor diesem Hintergrund werde die Zeit auch die Aussagen zu dem Schnittfehler "gerichtlich klären lassen".

"Im We­sent­li­chen", so schreibt die Zeit aktuell, be­ziehe sich Wie­se bei seiner Verteidigung "nur auf Ne­ben­as­pek­te". Dem Zeit-Text dagegen gehe "es um ethi­sche Gren­zen, die bei der Her­stel­lung des Films über­schrit­ten wur­den". Dabei wirkt es genau andersherum: Die Vorwürfe in der Zeit sind vielfältig und kleinteilig. Wo genau die Grenzüberschreitung, das Skandalöse am Film sein soll, ist unklar.

Erstaunlich auch: Noch während der Anwalt den Schnittfehler gerichtlich klären lassen will, geht die Zeit in ihrem zweiten Text schon von einem solchen aus - und folgt der Spur zum Drehort Uganda. Die damalige Producerin Wieses erhebt, von der Zeit befragt, nun ebenfalls Vorwürfe: Auch sie habe Wiese nicht vor einem Interviewpartner gewarnt. Wieses Behauptung stelle ihre Pro­fes­sio­na­li­tät in­fra­ge. Wiese bleibt gegenüber der SZ bei seiner Version und legt eine eidesstattliche Versicherung eines Mitarbeiters von damals vor. Darin heißt es, die Producerin habe die Möglichkeit erwähnt, der Interviewpartner, ein Kämpfer der Lord Resistance Amy, könne Wiese auch angreifen, wenn dieser ihn zu hart befragen würde. Die Zeit habe ihn vor der aktuellen Veröffentlichung nicht mit den neuen Vorwürfen konfrontiert.

Ein Antrag Wieses auf einstweilige Verfügung liegt nun beim Landgericht Berlin

Bei der Wochenzeitung findet man, dass Wiese über seinen Anwalt seine Sicht ja dargelegt habe. "Damit liegt seine Stellungnahme bereits vor", sagt die Autorin. Dann habe man die Producerin aus dem Uganda-Dreh befragt. "Hätten wir Zweifel an ihrer Darstellung bzw. ihrem Statement gehabt - in dem sie ja sehr genau den Kontext des Interviews in Uganda schildert und auch den Namen der von Wiese angegebenen Interviewperson bestätigt -, hätten wir Herrn Wiese noch einmal konfrontiert."

Ein Antrag Wieses auf einstweilige Verfügung liegt nun beim Landgericht Berlin. In dem neuen Zeit-Text (Untertitel: Zu den Reaktionen auf die Berichterstattung der Zeit über Marc Wieses Dokumentarfilm Die Unbeugsamen) wird auch Michael Hanfeld, stellvertretender Feuilletonchef der FAZ, wegen seiner Berichterstattung zum Fall öffentlich getadelt, er habe "die Stellungnahme unserer Anwälte nicht vollständig" berücksichtigt. Hanfeld stellt auf SZ-Anfrage klar, er habe auf eine Anfrage der Zeit-Autorin zu ihrem Beitrag ein ausführliches Anwaltsschreiben erhalten, dessen entscheidende Stelle er zitiert habe.

Das klingt inzwischen, bildlich gesprochen, ein wenig nach Rauferei im gallischen Dorf des Medienjournalismus. Für Marc Wiese aber geht es um die Existenz als Filmemacher, dessen Währung Glaubwürdigkeit ist.

© SZ/hert/hy
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Nominiert für den 57. Grimme-Preis 2021 in der Kategorie Info & Kultur

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