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World Press Photo Award:Endlich nah

Die 85-jährige Rosa Luzia Lunardi wird von der Krankenschwester Adriana Silva da Costa Souza in ihrem Pflegeheim in São Paulo gedrückt.

(Foto: Mads Nissen/World Press Photo)

Mit der Aufnahme eines persönlichen Moments in der Corona-Pandemie gewinnt Mads Nissen den Preis für das Pressefoto des Jahres 2021.

Von Florian Sturm

Fünf Monate lang konnte Rosa Luzia Lunardi, 85, keinen anderen Menschen umarmen. Dann, endlich, wird sie dank einer einfachen Erfindung von der Krankenschwester Adriana Silva da Costa Souza im Pflegeheim Viva Bem in São Paulo, Brasilien, in die Arme geschlossen. Ermöglicht wird dies durch einen sogenannten "Umarmungsvorhang", der den Leuten das zurückgibt, was sie in der Corona-Pandemie so schmerzlich vermissen: menschliche Nähe, eine Berührung.

Aufgenommen hat diese Szene am 5. August 2020 der dänische Fotograf Mads Nissen. Sein Bild wurde nun von der unabhängigen Jury der World Press Photo Organisation als bestes Pressefoto des Jahres 2021 ausgezeichnet. Zu seinem Foto sagt Nissen: "Für mich ist dies eine Geschichte über Hoffnung und Liebe in den schwierigsten Zeiten. Als ich von der Krise in Brasilien und der schlechten Führung des Präsidenten, Jair Bolsonaro erfuhr, der dieses Virus von Anfang an als 'kleine Grippe' heruntergespielt hat, musste ich etwas dagegen unternehmen. "

"Verwundbarkeit, Angehörige, Verlust und Trennung, Tod, aber vor allem Überleben"

Kevin WY Lee, Fotograf und Jurymitglied, hebt die besondere gesellschaftliche Bedeutung des Fotos heraus: "Dieses ikonische Bild von Covid-19 erinnert an die außergewöhnlichste Ära unseres Lebens, überall. Ich sehe in dem Bild Verwundbarkeit, Angehörige, Verlust und Trennung, Tod, aber vor allem auch Überleben - alles in einem bewegenden Bild zusammengefasst. Wenn Sie das Bild lange genug betrachten, werden Sie Flügel sehen: ein Symbol für Flucht und Hoffnung."

Als beste Fotoserie des Jahres wurde das Langzeitprojekt "Habibi" prämiert. Zehn Jahre lang begleitete der italienische Dokumentarfotograf Antonio Faccilongo Frauen von palästinensischen Langzeitgefangenen und erzählt, wie sie trotz der Trennung versuchen, eine Familie zu gründen, beispielsweise indem die Insassen mithilfe von Kindern illegal ihre Spermien aus dem Gefängnis schmuggeln und ihre Partnerinnen sich damit künstlich befruchten lassen.

Die World Press Photo Awards wurden zum 64. Mal in Amsterdam vergeben und gelten als renommiertester Wettbewerb im Fotojournalismus. Neben den beiden Hauptkategorien hat die Jury auch acht weitere Themen, etwa Natur, Umwelt, Porträt oder Sport ausgezeichnet. Insgesamt wurden 74 470 Bilder von 4 315 Fotografinnen und Fotografen eingereicht.

© SZ/cag
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