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Ulrich Wickert:"Privatsender müssen keine Nachrichten senden"

Der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert über den Fall Kachelmann, überflüssige Nachrichtensendungen und seinen neuen Roman.

Der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert über überflüssige Nachrichten im Privatfernsehen, den Fall Kachelmann und seinen neuen Kriminalroman.

Ulrich Wickert

Mister Tagesthemen

sueddeutsche.de: Sie bringen gerade einen neuen Kriminalroman heraus - Das achte Paradies ist der vierte Fall von Jacques Ricou. Jetzt ist er unter anderem in der georgischen Mafia und ein Berater des französischen Präsidenten, der versucht, die Ermittlungsversuche zu beenden - wie sind Sie auf diese Themenkomplexe gekommen?

Ulrich Wickert: Mein Freund Eric - ein Franzose, der in Nizza gewohnt hat und irgendwann auf sein Boot gezogen ist - hat mir erzählt, wie schrecklich neureiche Russen die Côte d'Azur versauten. Die würden dort mit Geld um sich schmeißen und den Hafenmeister bestechen. Er schimpfte furchtbar. Daraufhin fing ich an, mich mit der Thematik zu befassen, sehr spannend. Die neuen Russen kaufen jetzt ganz Cap Ferrat auf. Daneben gibt es die alten Russen, die Mitte des 19. Jahrhunderts Nizza entdeckt haben, um 1900 eine wunderbare orthodoxe Kathedrale bauten und nach der Revolution hierher flohen. Das Verrückte ist, dass Putin die Kathedrale jetzt zurückhaben will. Zar Nikolaus hat die Kirche damals bezahlt - und der russische Ministerpräsident meint, sie gehöre also auch heute dem russischen Staat.

sueddeutsche.de: Das kommt auch im Roman vor. Dann mischt sich auch noch der jetzige französische Präsident Nicolas Sarkozy in die Ermittlungen der Romanfigur Jacques Ricou ein. Sarkozy kommt nicht wirklich gut weg.

Wickert: Ich gehe eher mild mit ihm um. In meinem Krimi ruft der Berater des Präsidenten bei meinem Untersuchungsrichter an, um eine Untersuchung zu verhindern. Die Wirklichkeit ist schlimmer: Eine unabhängige Untersuchungsrichterin möchte sich um den Fall Betancourt kümmern, das aber will Sarkozy partout verhindern. Ihr wird einfach gesagt: Dein Leben ist bedroht. Das kann man sich bei uns in Deutschland einfach nicht vorstellen.

sueddeutsche.de: Können wir das nicht? Sie haben ja jahrelang guten Einblick in die Politik gehabt.

Wickert: Eine derartige Verquickung können wir uns nicht vorstellen. Allerdings hatte auch ich selbst mal ein sehr unangenehmes Erlebnis: Als Redakteur beim Nachrichtenmagazin Monitor habe ich über den BND recherchiert und über dessen Machenschaften berichtet. Da warnte mich der damalige Kanzleramtsminister Horst Ehmke: Ich solle jetzt mal aufpassen, dass ich nicht aus dem Zug falle. Ich solle jetzt nicht in eine einsame Hütte gehen.

sueddeutsche.de: Und - hatten Sie Angst?

Wickert: Das Dumme war, ich war auf einer einsamen Hütte und irgendwann bekam ich die Angst. Da bin ich früher abgefahren.

sueddeutsche.de: Auch in Ihrem Roman kommt eine ermittelnde Journalistin vor. Wie ist es denn, wenn Journalisten die besseren Ermittler sein wollen?

Wickert: Ich habe bei Monitor viel über Rechtsradikale recherchiert und berichtet. Und ich habe damals mein Wissen mit dem Verfassungsschutz ausgetauscht. Manchmal wusste ich mehr als die, weil Journalisten vielleicht unverfänglicher recherchieren als jemand, der seine geordneten Bahnen dreht.

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