TV-Vorbericht: "Wo ist meine Stimme?" Brutale Wächter des Regimes

Die geballte Wuchte einer Medienwelt prallt auf die Betonkopf-Mentalität des herrschenden Regimes: Ein bemerkenswerter Film über die grausame Regierung im Iran.

Von Hans Hoff

Die Geschichte ist nicht neu. Oft wurde schon berichtet, was geschah nach den iranischen Wahlen im Juni 2009. Vielfach waren die Bilder zu sehen derer, die protestierten gegen den Sieg von Präsident Ahmadineschad, die von Wahlfälschung sprachen, von offensichtlicher Manipulation. Immer wieder war auf wackeligen Handybildern zu sehen, wie sie niedergeknüppelt wurden, wie Schüsse fielen, wie viele starben. Oft waren es nur Fragmente der ganzen Wahrheit, Fetzen von Information, hier ein Handyfilmchen, da eine Twitter-Nachricht, dort ein Blog-Eintrag. Der Dokumentarfilm Wo ist meine Stimme? unternimmt den Versuch, aus den vielen Teilen ein Ganzes zu formen, eine mächtige Botschaft zu senden aus einem unterdrückten Land.

Herrscher des Regimes: Mahmud Ahmadinedschad - iranischer Präsident.

(Foto: dpa)

"Ich wurde am 8. Juli verhaftet", sagt ein Blogger zu Beginn des Filmes. Danach folgt sein Leidensweg. Es ist nicht nur zu hören, wie er in eine überfüllte Gefängniszelle geworfen wurde, wie Wärter neben ihm Menschen tot prügelten, wie sie jene verhöhnten, die doch nur ein Stückchen Freiheit wollten. Es ist auch zu sehen.

Der Autor Ali Samadi Ahadi hat jene Szenen, die sonst nur die Beteiligten zu Gesicht bekommen, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, indem er sie als Zeichnungen animierte und sehr stimmig, beinahe unauffällig in seinen Film einfügte. Nun ist auch zu sehen, wie brutal die Wächter des Regimes vorgehen, nun sind die Schlagstöcke nicht nur zu hören, wenn sie auf Schädel prallen, nun färbt sich auch der Boden sichtbar rot.

Wo ist meine Stimme? ist eine große Collage aus animierten Comics, aus verwackelten Handyfilmen, aus Twitter-Meldungen, aus Blogeinträgen und nachträglich geführten Interviews. So prallt die geballte Wucht einer medial entwickelten Medienwelt auf die Betonkopf-Mentalität des herrschenden Regimes. Genau das macht diesen 45-Minüter, der als Langfassung unter dem Titel The Green Wave auch über Kinoleinwände flimmert und in der 52-Minuten-Version gerade den deutschen Menschenrechtspreis eingeheimst hat, so bemerkenswert. Er bleibt nicht stecken bei den Einzelaufnahmen, er suggeriert, das ganze Bild zu zeigen und lässt keine Sekunde Zweifel aufkommen, auf wessen Seite er steht.

Nur in einer Sequenz erzählt er auch von der anderen Seite. Da fragen jene, die von fahrenden Motorrädern wahllos auf Demonstranten eingestochen haben, einen Geistlichen, wie sie mit ihrer Schuld umgehen sollen. Doch der Geistliche beschwichtigt und betont, dass sie für die gute Sache kämpfen. Ganz anderer Meinung ist Payman Akhavan. "Ihre Verbrechen sind dokumentiert und aufgezeichnet. Der Tag wird kommen, an dem sie sich verantworten müssen", sagt der ehemalige UN-Ankläger.

Doch noch ist es nicht soweit. Noch ist das Land, in dem dieser Film spielt, genau das, was eine ehemals inhaftierte Bloggerin beschreibt: Ein Gefängnis namens Iran.

Wo ist meine Stimme, Montag, 6. Dezember, 22 Uhr WDR Fernsehen