TV-Kritik zu Günther Jauch:Mit flachen Witzen gegen den #aufschrei

Lesezeit: 3 min

Sexismus in Deutschland: Thema bei Günther Jauch

Sexismus-Debatte: Günther Jauch mit Anne Wizorek, die das Twitter-Schlagwort #aufschrei prägte.

(Foto: dpa)

"Soll man einer Frau auf den Busen schauen?", fragt Jauch. "Ja", antwortet Karasek. Statt über Sexismus zu diskutieren, spöttelt sich der Moderator durch die Sendung und lässt seine Gäste fleißig die Debatte demontieren. Allen voran eine Frau, die eigentlich Vorbild sein müsste.

Eine TV-Kritik von Lena Jakat

Gäbe es eine Gebrauchsanweisung für eine politische Talkshow, so stünde darin: "Nimm deine Gäste ernst, oder zumindest das Thema der Diskussion. Nimmst du auch das nicht ernst, lass es deine Zuschauer wenigstens nicht merken." Wie es aussieht, wenn diese Regel missachtet wird, war am Sonntagabend in der ARD zu beobachten. "Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?": Diese Frage hatte Günther Jauch über seine Sendung geschrieben - und ließ keinen Zweifel daran, welche Antwort er am liebsten direkt selbst darauf gegeben hätte.

Natürlich, Jauch sagte nicht: "So ein Quatsch." Er sagte: "Ist es fair, dass Clinton beliebter ist als Brüderle, der ja fast als deutscher Strauss-Kahn gilt?" Er witzelte: "Frau Schwarzer, Sie haben mich schon wieder enteiert." Er fragte: "Soll man einer Frau noch auf den Busen gucken?" Kommentare, die möglicherweise als charmante Provokationen hätten durchgehen könne. Wäre der Tonfall zehn Lichtjahre weniger spöttisch gewesen.

Totgekalauerte Titten-Frage

Mit dem richtig plumpen Abwürgen einer ernsthaften Diskussion über alltägliche Diskriminierung des Geschlechts wegen musste sich der Vorzeige-Moderator nicht abgeben. Dafür hatte er ja Gäste eingeladen. Hellmuth Karasek, der die Titten-Frage mit einem "Ja, das soll man sogar" totkalauerte. Und Wibke Bruhns.

Frauen, die glauben, dass an alltäglichem Sexismus nicht nur "was dran zu sein scheint", wie Karasek, sondern, dass es sich um ein reales Problem handelt, das eine reale Diskussion verdient hat, freuen sich über Männer wie Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn. Der saß zwar vor allem im Fernsehen, um sein Magazin zu verteidigen (schließlich hatte Laura Himmelreichs Stern-Artikel über Rainer Brüderle die Diskussion maßgeblich mit angestoßen). Der sagte aber auch kluge Dinge wie: "Wir Männer sollten uns so verhalten, wie wir uns wünschen, dass man unseren Frauen und Töchtern begegnet."

Vor Fassungslosigkeit die Sprache verschlagen

Und wenig macht diese Frauen so wütend wie andere Frauen, die so tun, als wäre Sexismus eine künstlich hochgejazzte Kleinigkeit/eine Schwäche der Frauen/biologisch begründet und daher alternativlos. Frauen wie die Ex-Nachrichtensprecherin Wibke Bruhns. Eine Frau, die eigentlich ein Vorbild sein müsste, als erste weibliche Vertreterin ihres Jobs, als Vorkämpferin der Frauen im männerdominierten Journalismus. Doch da saß sie nun und brachte im Gespräch über die Unveränderbarkeit der Geschlechterbeziehungen einen kruden Vergleich, der nicht-sexistische Männer mit kastrierten Stieren, Ochsen also, gleichsetzen sollte. Das Gesicht zu einem herablassenden Lächeln zementiert.

Als die Bloggerin und Initiatorin der Anti-Sexismus-Kampagne #aufschrei, Anne Wizorek, sagte: "Wir sind doch nicht von den Bäumen gekommen, um uns jetzt dahin zurückzuziehen" lächelte Frau Bruhns ihr eisiges Lächeln. Als FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin sagte, sie wünsche sich, dass ihre Töchter sich nicht mehr eine Palette aus Sprüchen und Strategien gegen sexistische Avancen zurechtlegen müssten, sagte Bruhns: "Das werden sie aber. Und deren Töchter auch." Und lächelte eisig. Auf die Frage, wann etwas als Übergriff zu werten sei, antwortete Bruhns: "Kommt darauf an, wer wie betrunken ist."

"Wollen wir das nicht mal ernst nehmen?"

Und als Alice Schwarzer die 60.000 Tweets ansprach, in denen seit Donnerstagnacht Frauen von sexistischen Erlebnissen berichten und fragte "Wollen wir das nicht mal ernst nehmen?", sagte Frau Bruhns: "Nein." Ihre Antwort wird von Beifall der Zuschauer fast verschluckt. Ihr Lächeln blieb.

Die allermeisten von denen, die jene 60.000 Tweets verfasst haben, nehmen die Diskussion ernst. Hunderte Kurznachrichten rattern während Jauchs Sendung unter #aufschrei durch die Twitter-Timeline.

Die drei Frauen auf dem Podium, die die Diskussion ebenfalls ernst nahmen - die überraschend sympathische Koch-Mehrin, die erleichternd coole Schwarzer und Anne Wizorek, die über weite Strecken so wirkte, als hätte ihr die Fassungslosigkeit die Sprache verschlagen: Sie alle sagten kluge Sachen, kamen gegen Jauchs Spott, Bruhns' Zynismus und Karaseks Komplettverweigerung nicht an.

Und so war nach 60 Minuten haushaltsabgabenfinanzierter Sendezeit die real existierende Sexismus-Debatte keinen Schritt weiter gekommen - sondern genau dort, wo sie mit dem Brüderle-Artikel angefangen hatte. Jauchs abschließende Worte: "Darf ich Sie alle jetzt noch an die Bar einladen?"

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